Würdigung des Stuttgardia-Hauses

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Beim Stuttgardia-Haus treten besonders die hohen Giebelwände nach den vier Himmelsrichtungen hervor sowie die
mächtigen Dächer, die sich nach allen Seiten herabziehen. Charakteristisch ist ferner die Übereckstellung von zwei
Baukörpern aus der Sicht des von der Stadt heraufkommenden Beschauers. Im Eck befindet sich der mit
zurückhaltendem Prunk gestaltete Eingangsbereich. An den Fassaden setzen sich die Umrandungen der Fenster und
Türen sowie die Sockel in gelbem Sandstein von den übrigen in weißem Verputz gehaltenen Wandteilen ab. Zum
Neckartal öffnet sich eine große Terrasse mit freiem Blick bis zur Schwäbischen Alb. An der Westseite des Hauses war
früher ein Ziergarten angelegt.

Im Innern sind im Erdgeschoß die allgemeinen Gesellschaftsräume, nämlich Diele (früher mit einem Gaskamin),
Kneipsaal mit kleiner Bühne und dem darüber gelegenen Raum für die Musik (Trompeterstübchen, heute
Aktivenküche), ferner Eßzimmer (heute sog. Clubraum) und Frühstückszimmer (heute Fernsehraum) mit Nebenräumen.
Von diesen repräsentativen Funktionsräumen getrennt, lagen in den oberen Stockwerken sechs Studentenwohnungen.
Im ersten Stock schauten zur Neckarseite zwei Wohnungen mit Wohn- und Schlafzimmer für das
Gesellschaftspräsidium und seinen Stellvertreter. Im zweiten Stock gab es drei Studentenzimmer und das
Altherrenzimmer (dieses zur Franconia gelegen). Im dritten Stock gewährte die Turmbude einen herrlichen Blick nach
Süden61. Im ersten Stock war im nach Westen gelegenen Raum die Bibliothek und an der Stelle der heutigen unteren
Dusche das Bad. Im zweiten Stock befand sich an der Stelle der heutigen Dusche eine Geschirrspüle. Im Flur dieses
Stockwerks stand der Billardtisch. Im Souterrain, das nach der Talseite zu ein volles Stockwerk bildet, lagen der
Hauboden (heute Tischtennisraum) mit einem größeren Nebenraum sowie die Küche. Der Hausmeister hatte im Bereich
der heutigen Damentoilette sein Dienstzimmer und im Anbau, allerdings auf drei Stockwerke verteilt, eine 5-Zimmer-
Wohnung. Das oberste Zimmer war die sog. Magdkammer. Geheizt wurde das ganze Gebäude mit einer Koks-
Zentralheizung (Niederdruckdampfheizung). Bis 1931 gab es eine geschlossene Abortgrube.

Historisierende Bauteile finden sich am Haus nicht, vielmehr wird es durch Gestaltungsprinzipien des Jugendstils (Art
noveau) charakterisiert. Es sind jedoch nicht wellig fließende Bilder, sondern die vom Jugendstil ebenfalls propagierte
Zurückführung der Formen auf “ursprüngliche Linien”, die Dollinger hier verwirklichte62. Er bevorzugte in dieser Zeit
seiner Tätigkeit steile Dächer und kombinierte an den Fassaden weißen Putz mit Sandstein. Damit knüpfte er an die
britische Arts- and Crafts-Bewegung an. Dollinger berichtete 1914 in einem Beitrag63 über die vier von ihm in
Tübingen erstellten Verbindungshäuser (Normannia, Stuttgardia, Rothenburg und Virtembergia), daß der
Hauptwohnraum für ihn das Eßzimmer gewesen sei, dem er den schönsten Platz hinsichtlich Sonne und Aussicht
gegeben habe. Die Diele habe sich stets besonders zu künstlerischer Durcharbeitung geeignet. Er habe ihr den Eindruck
vornehmer Behaglichkeit geben wollen. An der Haupttreppe habe er einen erhöhten Platz für eine kleine gemütliche
Tafelrunde angelegt. Als Fußbodenbelag sah er bewußt in allen Gesellschaftsräumen Linoleum vor. Kneipe und Diele
bilden heute noch mit ihren Wandvertäferungen in unterschiedlichen Holzarten vornehm zurückhaltende Jugendstil-
Interieurs, besonders nachdem es 1987 gelungen war, die 1959 angebrachten “modernen” Leuchten durch
Jugendstilarbeiten in der ursprünglichen Art zu ersetzen.

Das Stuttgardia-Haus ist Teil des Tübinger Stadtbilds, zu dessen Charakteristikum
die zahlreichen Verbindungshäuser an der Südhangseite von Schloß- und Österberg gehören. Die meisten Tübinger
Korporationshäuser wurden zwischen 1885 und dem ersten Weltkrieg, überwiegend im ersten Jahrzehnt des 20.
Jahrhunderts, erstellt. Ein Teil von ihnen hat mittelalterliche Wohntürme und palasartige Gebäude zum Vorbild, bei
anderen richten sich Einzelformen nach historischen Motiven64. Das Stuttgardia-Haus ist das Beispiel eines
anspruchsvollen, in Gliederung und Einzelheiten frei von historischer Nachahmung gehaltenen Bauwerks. Insgesamt ist
Richard Dollinger ein überzeugendes Werk gelungen, das unverwechselbares, individuelles Gepräge aufweist.
Erstaunlich ist, daß das Gebäude nach fast 90 Jahren den Anforderungen an ein Studentenwohnheim noch voll gerecht
wird. Die Flächen sind so groß, daß nach Umbau von Studentenwohnungen, Ausbau von Bühnenräumen und
Umgestaltung von Untergeschoßräumen heute 15 Studentenzimmer vorhanden sind. Schwachpunkte, wie das Fehlen
einer Damentoilette (Dollinger sah die Benutzung der Toilette im ersten Stock durch die Damen vor) und einer Küche
in der Hausmeisterwohnung konnten später beseitigt werden. Der Aufgang zu den Wohnräumen durch die Diele muß
hingenommen werden.

Das Haus ist das große Kapital, das seine Erbauer dem Bund mitgegeben haben. Die Generation, die den Hausbau
vollbracht hat, verdient höchsten Respekt. Gerade in Zeiten mit Nachwuchsproblemen zeigt sich der Bau als
weitblickend und wesentlich für den Weiterbestand der Gesellschaft. Was damals teilweise als Luxus angesehen wurde,
erweist sich heute als Notwendigkeit. Seit seiner Erbauung übt das Haus einen bestimmenden Einfluß auf das
Gesellschaftsleben aus. Es bildet die Bühne für das Bundesleben. Im Wechsel der Generationen gewährleistet es
Stabilität. Eine Stiftungstafel (früher in der Diele über dem Kamin, heute im Windfang) weiht das Gesellschaftshaus
“als eine Heimat froher und edler Jugendfreundschaft”.