Die Veranstaltungen der Gesellschaft in den Jahren 1908 – 1914

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Die Veranstaltungen und Ausfahrten waren im Jahreslauf grundsätzlich dieselben wie in der Zeit vor Einweihung des
Hauses88. Seit 1910 ist von einer Meßkneipe der Füxe jeweils Mitte November die Rede, die diese mit Witz dargeboten
hätten. Wichtig war weiterhin der Fuxenstoß, also die Burschung der Füxe, die nach hergebrachtem Ritus mit viel Bier
begangen wurde. Beim Stiftungsfest 1910 lag Schnee, so daß die sonntägliche Ausfahrt nach Böblingen mit Schlitten
erfolgen konnte. Die Stuttgarter Mitglieder das Altenvereins feierten am 25.11.1911 das Stiftungsfest mit einem vom 38
Alten besuchten Abendessen im Restaurant Koppenhöfer in Stuttgart. In Tübingen stieg am gleichen Tag eine Kneipe
mit Herren der Universität und des Offizierskorps. Im Jahr darauf begingen die Stuttgarter Alten das Stiftungsfest mit
einem Gansessen im Oberen Museum, wozu erstmals Damen geladen waren (65 Personen). Die aktive Gesellschaft
hielt im SS 1913 nach längerer Zeit wieder eine Naturkneipe im Kirnbachtal ab. In diesem Semester sind erstmals ein
Spargelessen und eine Sonnwendfeier mit Gästen erwähnt.

Verstärkt organisierte die aktive Gesellschaft jetzt Damenfeste. Im Sommer gab es regelmäßig ein Tanzfest für die
Tübinger Damen und ein Sommerfest für die Bundesschwestern. Letzteres wurde mit einer Damenfrühmesse auf dem
Haus, Ausfahrt im Spuzwagen nach Hohenentringen, Abendessen und Terrassenfest mit Feuerwerk und Illumination gefeiert. Die Damen konnten um
11.30 Uhr wieder nach Stuttgart fahren. Herausragend war ein Kostümfest am 25.1.1911 unter dem Motto “Ein
Jahrmarktsfest zu Plundersweilern zur Zeit Goethes”. Unter der Leitung von Fritz v.Alberti waren die Räume des
Hauses geschmückt worden. Nach der Einladung wurden erwartet “fürnehme Damen und Mädgen im Zeitgeschmak als
auch Bäurinnen und Bauernmädgen, Verkäuferinnen, so aus dem Land Tyrol und Italia kommen. Auch Gesindel,
geheissen Zigeuner, Slavonen, Polaken, so sich seine Nahrung mit Ansagen aus der Hand und allerley Kunstfertigkeit
erwirbt. Marionetten werden agieren sowie nach einer Tafelfreuden ein groser Tanz sein.” Die erhaltenen Photos89
zeigen in der Diele einen riesigen Baumstamm und eine Bude. Die Bundesbrüder und ihre Damen waren in wertvollen
Kleidern und durchweg mit Perücken kostümiert.

Im SS 1911 ging es mit den Bundesschwestern auf geschmückten Leiterwagen nach Niedernau. Im WS 1911/12 war
das Fest für die Tübinger Damen einfacher, v.Alberti und Beckmann trugen ein Singspiel vor. An Fastnacht 1913 nahm
eine Anzahl von Bundesbrüdern “wieder” am Museumsball in Reutlingen teil. In diesem Wintersemester wurde dann
nicht nur für die Tübinger, sondern auch für die Reutlinger Damen ein Fest gegeben. Die Stuttgardia mußte aber auch
sparen. So ließ sie im SS 1913 aus finanziellen Gründen das Damenfest ausfallen. Dagegen verwandelten die Aktiven
im Januar 1914 unter v.Albertis Leitung das Haus in einen Frühlingswald, in dem die Festteilnehmer “altdeutsch
maskiert umherschwelgten”. Eine ältere Bundesschwester paßte als “Gardedame” auf. Eine Dame nach oben führen
kostete 30M.

Allgemein wurden in dieser Zeit die Feste einfallsreich gestaltet. Vieles dürfte dabei das Werk von Fritz v.Alberti
gewesen sein, eines Medizinstudenten mit starkem Hang zum Theater. Der wirtschaftliche Aufschwung ermöglichte
eine Verfeinerung der äußeren Formen des Studentenlebens, die manchmal stark die Grenze zum Luxus gestreift
habe90.

Die besonderen Feste für die Tübinger Damen zeigen, daß die Stuttgardia sich als Faktor im gesellschaftlichen Leben
der Universitätsstadt fühlte. Es war damals üblich, daß zu Beginn eines jeden Semesters drei Vertreter der Verbindung,
meist die Chargierten, bei den Tübinger Alten Herren der Korporation sowie den Tübinger Familien, zu denen
persönliche Beziehungen bestanden und deren Töchter zu Festlichkeiten eingeladen wurden, Besuche machten91. Die
Professoren wiederum revanchierten sich durch Einladungen zu Thés dansants oder zu Abendessen. Der jeweilige
Rektor gab im Winter im Museum den sog. Rektorsball, bei dem die Korporationen durch zwei Chargierte vertreten
waren. Dieser Ball war die bedeutendste gesellschaftliche Veranstaltung in Tübingen.
Trotz aller Damenfeste fühlte sich die Stuttgardia als Männerbund. Dies belegt die Bemerkung Hans Wildermuths92,
“Weiberbetrieb” sei verachtet worden. Wer Studentinnen auf seine Bude einlud, “konnte sich des durch keinen Takt
gezügelten Hohns der Bundesbrüder gewiß sein”.

Voll Begeisterung berichtete Battenberg93 über Ausflüge im Sommer: “Wenn so ein ganzer Bund einen Spuz zu
Wagen machte – 20 – 25 leichte Gefährte hintereinander – mit Gesang und Peitschenknallen, das war Leben! Es war
üblich, bevor man endgültig in die jeweilige eigentliche Fahrtrichtung einbog, zunächst einmal um das Uhlanddenkmal
oder um die Aula herumzufahren – gewissermaßen als Huldigung an den genius loci. Kam man auf die Dörfer hinaus,
so erhob sich alsbald ein wildes Geschrei der kleinen Bauernburschen: ‘Nickele raus!’, und die Horde begleitete die
Wagenkavalkade so weit und so schnell sie die kleinen nackten Beine trug. Die jungen Herren aber, die Studenten,
genossen in diesem Augenblick doch wirklich ‘herrenmäßige’ Gefühle, Geld unter das Volk ausstreuen zu dürfen!” Das
Ziel solcher Spuzfahrten war etwa Urach oder der Brielhof bei Hechingen. Die Semesterantrittsfahrt nach Honau bildete
stets ein besonderes Ereignis. Erste Station machte man bei der Hinfahrt in Reutlingen im “Kronprinzen” zum Kaffee.
In Honau angekommen ging es zu Fuß den steilen Weg zum Lichtenstein hinauf, dann zurück ins “Rößle” zum
Forellenessen. Auf der Rückfahrt genoßen die Teilnehmer in Reutlingen im “Bären” Glühwein und veranstalteten dann
in der Dunkelheit von der Reutlinger Steige bis zur Tübinger Neckarbrücke ein Wagenrennen. “Daß im ganzen wenig
passierte, dankte man wohl mehr dem sicheren Instinkt der Pferde, denn der Kunst des Fahrers. Einmal freilich, Jahre
vor mir, war tatsächlich an der Reutlinger Steige ein Wagen umgestürzt. Die Nachfolgenden fanden ein übel
aussehendes Trümmerfeld, über das dauernd einer schrie: ‘Silentium für einen toten Bundesbruder’. Später stellte sich
die Sache als nicht so gefährlich heraus”94.

Auch in diesem Zeitabschnitt pflegte die Stuttgardia das Wandern. Nahe Ziele waren Schwärzloch, die Wurmlinger
Kapelle und der Schönbuch. Der Himmelsfahrtsausflug 1909 ging wieder in die Balinger Gegend. Auch der zweitägige
Himmelfahrtsausflug 1911 führte in die Gegend Spaichingen-Sigmaringen. 1912 besuchte man das Gebiet Glaswaldsee,
Kniebis und Ruhestein. Nicht unüblich war es, nach der Kneipe die Nacht hindurch nach Stuttgart zu marschieren und
morgens hundemüde in den staunenden Familienkreis einzubrechen95.