Die Veranstaltungen der Gesellschaft in den Jahren 1895 – 1908

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Bei den Kneipen im neuerbauten eigenen Kneiphaus “pflegte man einen fidelen und kraftvollen Trunk”23. Dennoch fand weiterhin rund die Hälfte der Zusammenkünfte in der Stadt oder an anderen Orten statt. Dabei führten der zunehmende Wohlstand im Kaiserreich und ein stärkeres Bedürfnis nach Repräsentation zu immer aufwendigeren Unternehmungen.

Seit 1897 trug man auf dem eigenen Haus eine Kneipjacke. Sie war aus schwarzem Stoff mit Knebelverschlüssen auf der Brust und mit gelb-schwarzen Kordelverzierungen auch auf dem Rücken24. Dazu erschien im Bopserboten von 1898 ein Gedicht25:

Kneipjackenlied
Steig auf, mein Lied, und laß uns heut
Zur alten Kneipe fahren!
Dort tagen jetzt, voll Bier und Schneid,
Stuttgardia’s Husaren.

Nun kann ja selbst der krümmste Fuchs
Mit Taille renommieren.
Wie klopft so froh die Heldenbrust
Unter den seidenen Schnüren!

Wie konnten sich die Alten nur
Bei Sang und Bier ergötzen?
Von strammem Äußern keine Spur -
Nur höchst zivile Fetzen!

Präsidium hat nun Hauptmannsrang,
Streng herrscht er in der Runde;
Der Inaktiv’ ist Premier,
Der Jungbursch bloß Sekunde.

Böhringer als Feldwebel ist
Vergnügt als wie nur einer;
Der Fuchs allein bleibt chancenlos:
Er ist und bleibt Gemeiner.

Wenn uns die Alten jetzo schaun
Nicht mehr gehüllt in Lumpen,
Dann werden sie uns sicher, traun,
Mit tausend Freuden – pumpen.

Die Semester wurden weiterhin Ende April bzw. Ende Oktober mit der Antrittskneipe feierlich eröffnet. Ab 1898
schloß sich am nächsten Tag oder einige Tage später eine sog. Antrittsfahrt nach Böblingen (1899, 1900), Metzingen (1901) oder Honau (1898, 1902 – 1906) an. Ab 1906 ist eine Maikneipe am 1.Mai oder seinem Vorabend auf dem Haus überliefert. Mitte November 1906 ist erstmals ein Gansessen erwähnt, das auch in den folgenden Jahren regelmäßig gegeben wurde. Das Stiftungsfest feierte die Gesellschaft um den 30.November in herkömmlicher Weise mit Kommers im Museumssaal und tags darauf einer Festfrühmesse im Gesellschaftshaus mit anschließender Jagdwagenfahrt und Kneipe in Böblingen. Das Liebesmahl wurde 1895 letztmals im Museum begangen. Kurz vor Weihnachten feierte man die Weihnachtskneipe mit brennendem Christbaum und Glühwein, wobei sich die Mitglieder gegenseitg mit oft wertvollen Gaben beschenkten26. Daß dabei die Füxe in weißen Nachthemden “Ihr Kinderlein kommet” sangen, wurde schon damals als geschmacklos empfunden. Ab Februar 1897 traten in jedem Semester die Mitglieder bei einer Kneipzeitungskonkurrenz mit dem Vortrag von Gedichten usw. gegeneinander an. Im WS 1903/04 ging der erste Preis, ein Römerglas mit aufgebranntem Stuttgardia-Wappen, an Otto Fischer27. In den Wintersemestern 1895/96 bis 1897/98
wurde Mitte Februar ein Gästekneiptag abgehalten, der einmal auch “Offiziers-Kneiptag” hieß. Im Februar 1897 waren dabei etwa 20 Gäste anwesend. Für die Sommersemester der Jahre 1902, 1903, 1906 und 1907 sind ebenfalls Gästekneipen erwähnt. Die Kandidatenfuhren mit Kneipe gingen weiterhin in der Regel zum Brielhof28. Es gab auch besondere Kneipen, wie z.B. im Januar 1901 die Abschiedskneipe von Karl Walz I oder im März 1905 eine Pilsener- Bierkneipe des “lieben Alten” Rümelin. Im SS 1896 hieß es, die “Sommergeburtstägler” hätten ihr Fest in gewohnter Weise in Urach gegeben. Im SS 1898 war am Himmelsfahrtstag erstmals ein offizieller Ausflug, der in den folgenden Jahren wiederholt wurde29. Wandern
kam allmählich wieder in Mode. Das “Zurück zur Natur” zeigte sich auch darin, daß 1904 erstmals nach 1893 wieder eine Naturkneipe, nun im Kirnbachtal, gefeiert wurde30.

In den Jahren 1897, 1900 und 1904 wurden Ende Juni/Anfang Juli große Feste in Imnau mit 300 – 340 Gästen
begangen. Von 1897 ist eine gedruckte Einladung mit Zeichnungen der beiden Gesellschaftshäuser von H.Lotter und von 1904 eine Einladung mit einer Zeichnung des Kneiphauses von M.Schneider erhalten31. Jeweils um 12.40Uhr fuhr der Sonderzug von Tübingen nach Imnau. Den Damen wurde 1904 ein gedrucktes Liederbuch mit dem Stuttgardia-Wappen auf dem Einband überreicht, in dem u.a. von H.Abert das Gedicht “Rheinfahrt”, das Österberglied und das Altenlied sowie von G.Walcher das Flößerlied abgedruckt waren. Die Widmung des Liederbuchs lautete:

Von all’ den Liedern, die Studenten singen,
Und die Studenten selbst beim Wein erdacht,
Wir meinen, wenn wir euch die besten bringen,
So ziehen sie auch euch in ihre Macht.
Sie singen von viel leichten, gold’nen Dingen;
Im Männerchor hallt’s durch die Sommernacht, -
Doch einst tönt’s heller, rascher fliegt die Stunde,
Wenn die Studentin singt in uns’rer Runde.

Die Erwähnung der Studentin ist bemerkenswert. Die Universität Tübingen war erst seit diesem Jahr von Bundesbruder Karl Weizsäcker, der ab 1900 als Kultminister wirkte, für Frauen unbeschränkt geöffnet worden. Der Wandel der Zeiten zeigte sich auch darin, daß im Programmzettel die Damen gebeten wurden, “Selbstvorstellung der Herren zu gestatten”. Nach der Ankunft des Sonderzugs in Imnau war gemeinsamer Kaffee, um 3 Uhr Polonaise und um 4 Uhr Cotillon im Saal. Die Aufführung hatte die Zukunftsvision “Hausweihe der Stuttgardia im Jahr 1969″ zum Thema mit den Bildern “Die Studentinnen”, “Festgruß der Imnauer Quellnymphe”, “Die gute alte Tante”, “Der Österberg”, “Schwarze Verbindungen”, “Der Herr von der Neckarbrücke” und “Lied und Schuß”32. Wie früher pflegten sich nach der Rückkehr in Tübingen die Herren abends im Museum zu treffen. Am nächsten Tag war Festfrühmesse mit Damen auf der Kneipe und anschließend Festmahl im Museum mit etwa 125 Personen (etwa zur Hälfte Damen).

Im SS 1899 gab es erstmals ohne Zusammenhang mit einem Imnauer Fest eine Frühmesse mit Damen im eigenen Haus, anschließend fuhr man zum Tanz nach Honau. Im WS 1902/03 und im SS 1906 fanden ebenfalls Damenfrühmessen statt, wobei sich 1906 nachmittags eine Fuhre nach Honau anschloß. Im Februar 1906 waren “die Tübinger Damen” aufs Haus “zu einer Gesellschaft” geladen. Diese Veranstaltungen lassen erkennen, daß die Damen immer mehr in das Bundesleben einbezogen wurden. Sicherlich hing dies auch damit zusammen, daß nun Frauen in Tübingen studierten. Solange Julius Nördlinger als Förster in Pfalzgrafenweiler wirkte, lud er die Gesellschaft regelmäßig zu den von ihm veranstalteten Floßfahrten in den Schwarzwald ein33. Das jeweilige Semester wurde Anfang März bzw. Anfang August mit einem Schlußkneiptag beendet.