Die Mitglieder 1894 – 1914, die Stuttgardia als württembergische Prominentenverbindung

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Die Mitglieder 1894 – 1914, die Stuttgardia als württembergische Prominentenverbindung
In diesem Zeitraum traten rund 180 Studenten der Stuttgardia bei. Die Zahl der jeweils in Tübingen anwesenden
Mitglieder schwankte. In den Jahren 1894/97 lag sie bei 15 – 20, um in der folgenden Zeit auf 31 anzusteigen. 1905/07
sank sie wegen Schwierigkeiten bei der Nachwuchsgewinnung auf 13 – 20. Nach einer Zunahme in den folgenden
Jahren auf 15 – 21 Aktive und 5 – 13 Inaktive gab es in den Jahren 1911/14 12 – 16 Aktive und 4 – 13 Inaktive136.
Grund für das Absinken der Mitgliederzahl kurz vor dem Krieg war wohl das wilde Verhalten des Jahrgangs 1908 und
der folgenden Semester. 1913 klagte die aktive Gesellschaft, die Konkurrenz der farbentragenden und schlagenden
Korporationen sei groß, außerdem nehme das Freistudententum zu. Viele Mitglieder beendeten ihr Studium an anderen
Hochschulen. Die Alten hätten zu wenig Interesse, beim Keilen zu helfen. Es falle auch schwer, außerhalb Stuttgarts
oder gar Württembergs Fuß zu fassen. Dabei wies die aktive Gesellschaft darauf hin, daß sie auch Abstinente aufnehme.
Der Bierkomment sei auf ein Minimum reduziert und jede Art von Sport werde gefördert. Ein monatlicher Wechsel von
150M erscheine ausreichend, so daß übertriebener Geldverbrauch ein Mythos sei137.

Über die geographische Herkunft der Mitglieder haben wir keine so genauen Feststellungen wie in der Festschrift zum
25.Jubiläum. Legt man den Geburtsort zugrunde, so waren fast 90 % der Mitglieder in dieser Zeit Württemberger. Die
übrigen stammten aus verschiedenen Teilen Deutschlands, ohne daß ein Schwerpunkt auszumachen wäre.

Zur sozialen
Herkunft der Mitglieder gibt es für diese Zeit keine Feststellungen. Man legte offensichtlich bei der Aufnahme von
neuen Mitgliedern Wert darauf, daß es sich um Angehörige derselben Schicht handelte,
also möglichst um Söhne von Akademikern oder Kaufleuten. Die Frage, ob der Sohn eines sehr reichen Stuttgarter
Metzgers aufgenommen werden könne, habe zu einer ausgedehnten Diskussion geführt138. Die Stuttgardia gewann
ihre Mitglieder weiterhin aus den “besseren Kreisen” des Bürgertums im Land.

In diesem Zeitraum sind zwei Adelige Mitglieder der Gesellschaft geworden, nämlich Georg Freiherr von Wedekind
aus Hessen (1901) und Arnold Kapp von Gültstein (1913). 1904/05 waren mit Stephan von Philippovich-Philipsberg
und Wolfgang Schrutka Edler von Rechtenstamm zwei österreichische Adelige einige Semester als offizielle Gäste auf
dem Österberg. Nach ihrem Weggang brach der Kontakt zu ihnen ab.

Weiterhin war fast die Hälfte der aufgenommenen Mitglieder Juristen. Der Anteil der Mediziner sank leicht auf ein
Viertel. Für die Aufnahme spielte die Konfession keine Rolle. Während sich in anderen Verbindungen schon seit den
1890er Jahre antisemitische Strömungen bemerkbar machten, war dies in der Stuttgardia nicht der Fall. Arthur
Neustadt, die Brüder Fritz und Heinz Laquer aus Frankfurt/Main, ferner Rudolf Wohlwill, Ernst Engländer und Erich
Steinthal waren Nachkommen von Juden139.

Auch in diesem Zeitabschnitt gab es zahlreiche verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den Mitgliedern. 1898 ist
mit Hans Geyer der erste Altensohn aktiv geworden. Bis 1914 folgten ihm 27 weitere. Allein im WS 1903 wurden vier
Altensöhne aufgenommen. Ferner wurden in diesem Zeitabschnitt 21 Brüderpaare sowie die vier Brüder Göz aktiv.
Viele Mitglieder heirateten die Schwestern oder die Töchter von Bundesbrüdern. Drei der Aktiven des WS 1902/03
heirateten Altentöchter.

Auch in dieser Zeit nahm in jedem Semester Photograph Hornung ein Bild der aktiven Gesellschaft und eines der
jeweiligen Confuxia auf. Einige der regelmäßig auf dem Stuttgardia-Grundstück gemachten Aufnahmen haben sich
erhalten. Die Dargestellten sind stets im Anzug mit Schlips, bis etwa 1905 auch mit Hut gekleidet. Einmal ließ sich eine
Confuxia in Kneipjacken aufnehmen. Die Chargen pflegten in der Mitte an einem Tisch oder auf Korbsesseln Platz zu
nehmen. Oftmals lagen die Hunde zu ihren Füssen, stets stand Gesellschaftsdiener Sieß mit großem Schnurrbart im
dunklen oder grauen Anzug, samt Stehkragen und einer Schildmütze mit dem Bundeszirkel dabei.

Beruflich gelangten nun eine Reihe von Mitgliedern in Spitzenstellungen, allen voran Karl Weizsäcker, der über
Richterämter Ministerialdirektor im Justizministerium geworden war. 1900 ernannte ihn der König zum Kultminister,
1906 zum Minister für Äußeres und zum Ministerpräsidenten, was er bis zum Ende der Monarchie blieb. Ein weiterer
hoher Beamter war Hermann Habermaas, der 1912/18 als Kultminister amtete. Von ihm stammte die Melodie des
Bundeslieds. Hohe Beamte waren weiter Karl Fischer, Karl Geyer I, Karl Zindel I sowie die Staatsräte Gustav Schwab
I, Hermann Kern und Heinrich Mosthaf. Bei den Gelehrten ist vor allem Max Rümelin, ordentlicher Professor der
Rechtswissenschaft in Tübingen und Kanzler der Universität, zu nennen. Professoren in dieser Zeit waren weiter Otto
Geib, Rechtswissenschaftler in Tübingen, Emil Seckel, Rechtswissenschaftler in Berlin, Karl Hürthle, Physiologe in
Breslau und Otto Sarwey, Gynäkologe in Rostock. Zu den bekannten Ärzten dieser Generation ist der Nervenarzt
Hermann Wildermuth zu zählen. Herausgehobene Bundesbrüder waren ferner die Brüder Karl und Arnold Elben als
Hauptschriftleiter des “Schwäbischen Merkurs”, der bedeutendsten Zeitung Württembergs. Im kommunalen Bereich
wirkte Karl Lautenschlager ab 1911 als Oberbürgermeister von Stuttgart.

Einige Bundesbrüder waren zu einer Zeit, als Deutschland Kolonien besaß, in Übersee tätig: Alexander Brill als
Bezirkshauptmann in Lüderitzbucht und Windhuk in Südwestafrika sowie Oskar Friker als Rechtsanwalt in
Duala/Kamerun. Wilhelm Beck war als Bataillonsarzt Teilnehmer des Ostasiatischen Expeditionscorps zur
Niederschlagung des Boxeraufstands in China.

Johannes Haller, seit 1913 Historiker an der Tübinger Universität, meinte in seinen Lebenserinnerungen140:

“Ungewöhnlich war der Einfluß einiger Tübinger Studentenverbindungen, gegenüber dem der zu Zeiten viel berufene
Klüngel der Korps in der preußischen Verwaltung sich harmlos ausnahm. Nach verbreiteter Vorstellung, die mir nicht
ganz irrig scheint, mußte man, um in Württemberg Minister zu werden, der Tübinger Stuttgardia, um Ministerialrat der
Germania angehören. In die Unterrichtsverwaltung teilten sich Normannia und Königsgesellschaft.”

Diese Ansicht muß
aus der Zeit von 1912 bis 1918 stammen, als Karl Weizsäcker Ministerpräsident und Hermann Habermaas Kultminister
waren. Damals sah sich die Stuttgardia als schwäbische “Prominenten-Verbindung” an141.

Vermutlich um 1910 hatte ein Tübinger Ghibelline142 eine Kneipzeitung verfaßt, in der Tübinger Verbindungen
jeweils in einer Strophe charakterisiert wurden. Die die Stuttgardia betreffende Strophe lautete:

Der Stuttgarter, der Stuttgarter,
Ständig auf Beförderung harrt er,
Triefend stets vor Reverenz.
Auf der Kneipe wenig supft er,
Aber umso tiefer schlupft er
In den Arsch der Exzellenz!

Sie wurde von der Stuttgardia als nicht ganz unzutreffend akzeptiert143.

Zur politischen Haltung der Stuttgarten notierte Hans Wildermuth144:

“Vorgeschrieben war eine nationalliberale
Gesinnung, abgesehen von einigen Außenseitern”. Die Nationalliberale Partei, in Württemberg Deutsche Partei
genannt, war die Partei des gebildeten und besitzenden Bürgertums. Sie betonte nationale Interessen, trat aber auch für
liberale rechtsstaatliche Ideen ein. Ministerpräsident Weizsäcker gehörte ihr an145, Gustav Hauber war ihr
stellvertretender Landesvorsitzender. Battenberg meinte146: “Es war die Tradition einer ziemlich dünnen Schicht des
schwäbischen Bürgertums, die man am besten vielleicht als den ‘Beamtenadel’ bezeichnen könnte, die im Unterschied
zu den mehr kleinbürgerlichen und bäuerlichen Rekrutierungsschichten mancher anderen spezifisch schwäbischen
Verbindungen betonten Wert legte auf gute gesellschaftliche Formen, die ihren bestimmten Ehrbegriff hatte und, ohne
parteipolitisch gefärbt und ohne engherzig zu sein, in ihrer Einstellung zum Staat jene gemäßigte konservativ-liberale
Linie einhielt, die sich für die höhere Beamtenschaft einer konstitutionellen Monarchie mit stark demokratischem
Einschlag von selbst ergab. Unbedingte Königstreue und nationale Gesinnung, das waren Selbstverständlichkeiten bei
uns, die auf dem stillschweigenden gesellschaftlichen Consensus der Schicht, die uns trug, beruhten.”147

Der Umgangston der Mitglieder war nicht von einer am Offizierskasinoton orientierten Schnoddrigkeit, sondern von
Geist, Witz und Originalität geprägt. Hans Wildermuth schrieb dazu148: “Witz stand hoch im Kurs, und rücksichtslos
wurde alles, aber auch alles, vor unser lachendes Forum gezerrt, sicher auch Dinge, über die man nicht lachen soll. Es
gab nichts, dem wir nicht eine lächerliche Seite abgewannen.” Auch sich selbst habe man nicht ernst genommen. Dies
alles habe im Gesellschaftsleben dem im Bundeslied gepriesenen “Geist der Einigkeit” starken Abbruch getan,
andererseits zu einer inneren Überlegenheit geführt, die vor dem Pathos falscher Propheten bewahrt habe. An anderer
Stelle meinte Hans Wildermuth, es habe gescheite und dumme, witzige und fade, strebende und faule Bundesbrüder
gegeben. Daß der Geist der Gesellschaft insgesamt nicht schlecht gewesen sei, hätten die vielen tüchtigen und
bedeutenden Männer gezeigt, die aus ihr hervorgegangen seien.

Die Stuttgardia stand mitten im bunten vielgestaltigen Verbindungsleben, das die kleine Universitätstadt Tübingen vor
dem ersten Weltkrieg auszeichnete, und das eine heute kaum mehr vorstellbare Bedeutung hatte. Es gab die großen
schlagenden Korporationen, die christlichen Bünde, es gab farbentragende Verbindungen und solche ohne Farben,
Verbindungen mit reichen und armen, feudalen und proletischen, stark und mäßig trinkenden Mitgliedern. “Das alles
sang, ramschte, schrie, focht und trank durcheinander gaßauf und gaßab”149. In diesem Treiben versuchte die
Stuttgardia mit ihrem betont württembergischen, bürgerlichen, leicht elitären und vor allem witzigen Stil zu bestehen.