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Die Akademische Gesellschaft Stuttgardia ist eine liberale, nicht schlagende, nicht farben-tragende Korporation von Studentinnen und Studenten an der Eberhard Karls Universitaet Tübingen
Auch in der Zeit nach 1894 war der jährlich im März stattfindende Familienabend ein Höhepunkt des
Gesellschaftslebens. Organisiert wurde er vom “Ausschuß für den Familienabend”, auch “Wohlfahrtsausschuß” oder
1913 “Vergnügungsausschuß” genannt. Um 1913 leitete R.Mohl dieses Gremium. Finanziell getragen wurde der Abend
von den Alten in Stuttgart und der näheren Umgebung. Die Erschienenen hatten eine Umlage zu zahlen, was sich
jedoch nicht günstig auf den Besuch auswirkte. Die Mitgliederversammlung von 1898 beschloß daher, auch die nicht
anwesenden Stuttgarter Alten zu einem freiwilligen Beitrag von mindestens 2M aufzufordern. Die Versammlung von
1911 differenzierte die Umlage dahin, daß jeder Alte für eine von ihm eingeführte Dame 3M zu leisten hatte.
Auch in diesem Zeitraum spielten Überlegungen zur Vermeidung zu vieler unverheirateter Damen eine Rolle. Außer
der Gemahlin, unverheirateten Tochter, Schwester und Schwägerin konnten unverheiratete Nichten und Cousinen nur
mit Zustimmung des Ausschusses mitgebracht werden.
Ort der jeweils um 7 1/2 Uhr beginnenden Veranstaltung war das Obere Museum in Stuttgart, Kanzleistr.11 (heute
Theodor-Heuss-Straße, gegenüber der Einmündung Willi-Bleicher-Straße). Einzelne Programme sind überliefert. 1895
folgten auf eine Ouvertüre das “Originallustspiel” “Einer muß heiraten” von A.Wilhelmi128, sodann Polonaise,
Abendessen, Aufführung (wohl der aktiven Gesellschaft), Tanz und “Biertour”. 1897 hören wir von einer
Theateraufführung der aktiven Gesellschaft mit dem Titel “Die Neujahrsnacht an der Wende des Jahrhunderts”, ferner
dem Stück “Die Tragödie eines Fuchsen”, “Musikdrama in einem Akt mit Freud- und Leidmotiven mit vier lebendigen
Damen im Vorsalon der Stuttgardia-Kneipe vor Beginn eines Damenkneiptags”. Für 1898 nennt ein längerer
Programmzettel das Stück “Das Bombenattentat” und verschiedene Varieté-Nummern129. 1899 begann das Fest mit
dem Stuttgardia-Marsch von R.Mohl und der Ouvertüre zur Oper “Tannhäuser”. Dann traten Frl. Clara Keller und Frl.
Elise Pischek als die “schwedischen Nachtigallen” auf. Der zweite Teil des Festes fing mit dem Juristenmarsch von
Raiser an, an den sich drei Varieté-Stücke anschlossen. Auch 1900 gab es ein Stuttgardia-Varieté, u.a. mit Stuttgardia-
Marsch und einem “Dreifachen Gewalt-Akt, ausgeführt von Fernando Neuntöter, Christian und Don Manfredo
(letzterer für den stärkeren, aber leider unpäßlichen Commendatore Oscario)”130. 1901 brachte das Stuttgardia-Theater
die Parodie mit Musik “Die kleinen Michü’s” (also eine Anspielung auf den Michoudtisch).
1903 war das aufgeführte Stück “Der Herr Amtsrichter, Ort: Verzweiflingen, Nest in Württemberg”, ebenfalls von
Mitgliedern gedichtet. Auf die damalige Abhängigkeit der Karriere von der Examensnote geht das Couplet der Frau
Amtsrichter ein:
Gestern wie heute
Stets immer allein;
‘s ist keine Freude,
Frau Amtsrichter sein.
Lange zwei Jahre
Versaur’ ich jetzt da;
Muß wohl hier sterben,
Mein Mann hat III a.
Schafft er voll Kraft auch,
Es hat keinen Zweck.
Kommt er doch nie von
Verzweiflingen weg.
Hier muß er bleiben
Und ich mit, ja, ja.
Lieber Gott, was hat
Mein Mann auch III a.
Eine Anspielung auf den damals beliebten Stuttgarden Rudolf Mohl brachte dann das Couplet des Dienstmädchen
Katharina, die einen Schatz beim Militär hat:
Ist’s auch bloß ein Gemeiner,
Ich mach’ mir nichts daraus,
Ich habe ja noch einen
von hohem Rang zu Haus.
Von hohem Rang und Verve
Mit Schärpe und Pistol,
Ich hab’ in der Reserve
Daheim den Hauptmann Mohl.
Den strammen Hauptmann Mohl,
Den kerngesunden, kugelrunden, strammen Hauptmann Mohl.
1904 kam nach dem Orchester-Vorspiel das Theaterstück “Des Onkels Braut” (wohl von Mitgliedern gedichtet) zur
Aufführung. Während der “Erfrischungstour” trug das Orchester u.a. die Imnauer Festpolonaise und den
Reserveoffizier-Marsch, beide von H.Abert, sowie den Stuttgardia-Marsch von R.Mohl vor. 1905 wurde nach der
Ouvertüre zur Fledermaus der Schwank mit Gesang “Der sechste Sinn” von G.von Moser und Rob.Misch, ein
“Gegenwartsspiel aus Berlin”, gegeben.
Der Besuch des Familienabends war wechselnd. 1899 wurde z.B. um regere Beteiligung gebeten. Wie stark die Damen
der Stuttgardia sich engagierten, zeigte 1906 die Mitwirkung von Frl. Kober, Frau Assessor Lautenschlager, Frl.
Mosthaf, Frl. Storz, Frl. Kraft, Frl. Haidlen, Frl. Geyer, Frl. Elben und Frau Dr.Glitsch bei der Aufführung der Posse
mit Gesang “Der verliebte Julius”131. Von den Bundesbrüdern spielten K.Fetzer, J.Siegel und am Klavier Theophil
Frey mit. 1907 gab es “Die Walküre, ein pittoreskes Sittengemälde mit Gesang, Tanz und obligatem Feuerzauber, frei
nach Richard Wagner”. Neben sechs Damen spielten drei Bundesbrüder, darunter “Cafeophil” Frey mit. Am Klavier saß
diesmal Arthur Neustadt. 1910 zeigte das Stuttgardia-Theater das Stück “Der Eisbär”. Im folgenden Jahr wurde
“Elektra” von Bundesbruder Manfred Schneider gegeben, wobei Ulrich Faber als Darsteller mitwirkte. 1912 wurde
aufgeführt “Der neue Tannhäuser, Große moralische Oper in vier Akten u.a. mit Frumb, Vorsteher des Töchterinstituts
in Korntal, Walter von der Gänsheide und Wolfram vom Nesenbach, beide Mitglieder des Stuttgarter Familien- und
Kornthäler Singkranzes, Schwäb.Staatsdiener und Minnesänger”. Die Texte, die auf bekannte Melodien gesungen
wurden, stammten von “Paul Goullet” (= Paul Göz)132. Zu Beginn der “Erfrischungstour” spielte das Orchester
wiederum die Imnauer Festpolonaise von Abert und den Stuttgardia-Marsch von R.Mohl. Anschließend kam die
Fuxenvorstellung. Im Jahr darauf wurde “Der neueste Tannhäuser” mit denselben Personen gegeben.
Der Familienabend gab künstlerisch veranlagten Bundesbrüdern die Gelegenheit, ihr Können zu zeigen. Er beweist
auch das Interesse dieser Zeit an eigenem dichterischen, an schauspielerischem und musikalischem Schaffen. Nach der
Festschrift 1919 zeigten die Theaterstücke, soweit sie von Mitgliedern geschrieben worden waren, “mit feiner Komik
oder derbem Witz die Zeitereignisse und besonderen Erlebnisse der Stuttgardia und gaben sie dem Gelächter eines stets
spottlustigen Publikums preis”.
Zumindest bis 1904 pflegten die Stuttgarden nachts nach dem Ende des Familienabends mit einer Pferdedroschke des
Kutschereibesitzers C.Merkle nach Hause zu fahren. Am folgenden Sonntagmorgen gab es stets einen Frühschoppen im
Terrassensaal des Stadtgartens (Kanzleistr.50 = heute am Max-Kade-Weg beim See vor der Universitätsbibliothek).
Nur 1914 wurde er wegen des offenbar geringeren Besuchs ins große Nebenzimmer des Restaurants Michoud gelegt.
Der Frühschoppen sei bei den von Kater und Kneipzeitungssorgen gleichermaßen bedrückten Fuxengemütern
unvergessen geblieben133. Von 1904 – 1908 war am Sonntagnachmittag ab 4 Uhr eine zwanglose Nachfeier mit Damen
im großen Saal des Leuze-Bads in Stuttgart-Berg. 1906 spielte dort aus diesem Anlaß die Kapelle Brauer-Rapp.
1911 diskutierten Vereinsausschuß und Mitgliederversammlung die seit einigen Jahren über den Familienabend
erhobenen Klagen. Für die Organisation stellten sich immer weniger Freunde zur Verfügung. Die Umlagen waren für
die in Stuttgart und Umgebung wohnenden Alten stark gestiegen134. Nun wurde ein fünfköpfiger
Vergnügungsausschuß bestellt, der auch für andere Feste zuständig sein sollte. Sein Wirken war erfolgreich, denn 1912
besuchten rund 150 Personen den Familienabend135. Aus Vereinsmitteln wurden 100M beigesteuert, so daß die
Umlage auf 12M begrenzt werden konnte. Im Sommer 1914 überlegte sich der Ausschuß dennoch, künftig an Stelle des
Familienabends ein Sommerfest in Tübingen zu feiern. Jeweils im Mai 1912 und 1913 hatte der Vergnügungsausschß
die Bundesbrüder und ihre Familien zu einem Spargelessen die die “Krone” nach Untertürkheim eingeladen, wozu 72
bzw. 81 Personen erschienen.