Der Erwerb des Grundstücks am Österberg

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Am Abend des 1.Juli 1894 war man nach dem “glänzend” verlaufenen Jubiläumsfest auseinandergegangen. Am Tage darauf schlug bei der aktiven Gesellschaft wie ein Blitz die Nachricht ein, daß an eben diesem 1.Juli Johannes Kocher, der Eigentümer des Hauses, dessen Studentenzimmer seit zehn Jahren ausschließlich von Stuttgarden bewohnt wurden, die untere Hälfte seines Grundstücks mit einer Fläche von ca 14ar für 6000M an die Landsmannschaft Ghibellinia erkauft hatte5. Der einzige Lichtblick für die Stuttgardia war, daß der Vertrag für Kocher erst am Samstag, dem 7.Juli, abends 6 Uhr, bindend werden sollte. Sofern die Stuttgardia bis dahin Kocher ein gleiches Angebot machen würde, erhalte sie das Grundstück.

Ein Ankauf des Kocherschen Anwesens war in Altenkreisen schon zuvor besprochen worden. Allenthalben erwarben Studentenverbindungen Grundstücke und bauten darauf Häuser. Kocher selbst hatte bereits 1887/88 einen Teil seines Grundstücks zur Errichtung des Corpshauses der Franconia veräußert. Nun wollte die Ghibellinia auf dem unteren Teil des Grundstücks ein Verbindungshaus errichten, wozu sie dann als Zugang über den oberen Grundstücksteil ein Wegerecht beansprucht hätte. Auf dem übrig bleibenden oberen Teil war ein Verbindungshaus nur schwer unterzubringen, außerdem wäre die Aussicht zum Tal und zur Schwäbischen Alb durch ein Ghibellinen-Haus versperrt worden. Der Konvent der aktiven Gesellschaft vertrat die Ansicht, in einer Zeit, in der sämtliche Corps, die Burschenschaft und der Wingolf eigene Anwesen besaßen und die mit der Stuttgardia rivalisierenden schwarzen und farbentragenden Verbindungen, darunter die Gesellschaft Igel, zum Erwerb von Grundstücken Sammlungen veranstalteten, könne die Stuttgardia nicht ohne Gefahr für ihren Weiterbestand mit dem Erwerb eines Grundstücks zurückstehen. In einem Schreiben vom 3.Juli unterrichtete der Konvent die Alten. Die aktive Gesellschaft war bereit, das Grundstück zu erwerben und bat um Zeichnung von Beiträgen hierzu. Eine Verzinsung des von den Alten bereitgestellten Kapitals mit 3% könne sie “leicht” bewerkstelligen. Das Kochersche Anwesen sei der Schauplatz vieler reizender Stuttgardia-Feste gewesen und in Tübingen längst als Stuttgardia-Haus bekannt. Würden die Ghibellinen hier ihre Fahne hissen, müsse das Ansehen der Stuttgardia in allen Tübinger Kreisen “die empfindlichste Einbuße” erleiden. Der Alten-Ausschuß beriet am 4.Juli die Angelegenheit und empfahl den Bundesbrüdern die Zeichnung. 62 Alte zeichneten darauf über 12.000M. Die aktive Gesellschaft schloß sofort über den unteren Teil des Grundstücks mit Kocher einen Kaufvertrag und sicherte sich durch einen “Alternativ-Vertrag” mit Reurecht (Rücktrittsrecht) bis 1.November den Erwerb des ganzen Anwesens. Aus Anlaß des wichtigen Ereignisses ließ sie sich auf dem Österberggrundstück in corpore photographieren.

Anfang August 1894 wurde mit Kocher ein neuer Vertrag geschlossen. Die Stuttgardia erwarb nun das gesamte Anwesen (zusammen 29,01ar) mit dem Wohnhaus auf 1.4.1895 zum Preis von 35.000M mit Reurecht der Stuttgardia bis 1.November. Bezüglich der Nutzung erarbeitete der Alten-Ausschuß folgenden Plan: Da das Kochersche Wohnhaus nach sachverständiger Prüfung mit einigen Reparaturen (Kosten 2000M) noch Jahrzehnte benützt werden könne, solle es bestehen bleiben. Auf dem bisher unüberbauten oberen Teil des Grundstücks solle ein Kneiphaus errichtet werden, das im Vergleich zu einem gemieteten Lokal “wesentliche pekuniäre Vorteile bringe und Annehmlichkeiten für das Gesellschaftsleben biete”. Regierungsbaumeister Kempter in Tübingen hatte bereits Pläne für ein solches Kneiplokal angefertigt und die Kosten auf 11.000M geschätzt. Insgesamt seien daher 50.000M aufzubringen, ein Betrag den die aktive Gesellschaft mit 2,5% zu verzinsen habe. Der Zins erwirtschafte sich aus der Miete für sechs Studentenzimmer und aus den Ersparnissen gegenüber einem gemieteten Kneiplokal, wobei allein beim Kneipbier jährlich 300M eingespart werden würden. Der Ausschuß erwog auch die Gründung einer GmbH, die Anteilsscheine ausgeben könnte6.

Die Altenversammlung am 7.10.1894 um 12 Uhr in Esslingen (Gasthaus zur Traube) gab mit 51:10 Stimmen7 ihr
Einverständnis zu diesem Projekt und forderte ebenfalls zur Zeichnung auf. Bei den Mitgliedern des Alten-Ausschusses mußte große Spannung bestanden haben, denn bis zum 8.Oktober waren erst Verpflichtungen über 19.300M eingegangen. Aber der Grundstückserwerb gelang. Bis 23.Oktober kamen 48.600M – nämlich 2300M Geschenke, 12.050M unverzinsliche und 34.250M verzinsliche Darlehen -zusammen. Der Kaufvertrag mit Kocher wurde endgültig abgeschlossen8. Damit hatte die Stuttgardia ein eigenes Grundstück in bester Lage von Tübingen. Dies war von entscheidender Bedeutung für das weitere Bestehen der Gesellschaft. Die herausragenden Männer bei diesem Erwerb waren – soweit heute noch erkennbar – Gustav Hauber, Paul Hochstetter und Oskar Haidlen.