Der Altenverein 1896 – 1908, Planung und Bau des neuen Gesellschaftshauses

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Die Mitgliederversammlungen des Altenvereins fanden weiterhin jeweils an einem Sonntag Anfang Oktober in
Esslingen statt. Sie wurden regelmäßig von über 70 Alten und Aktiven besucht. Für die Versammlung bereitete Kassier
Hochstetter einen Kassenbericht über das jeweils ab 1.Oktober laufende Kassenjahr, einen Vermögensstand und einen
Etatentwurf für das folgende Kassenjahr vor. Die Einladungsschreiben, nicht aber die Niederschriften der
Versammlungen sind erhalten50. Aus den ersten Jahren des Altenvereins mag erwähnt werden:

- Der Jahresbeitrag betrug 5M und wurde z.B. 1897 von 146 Mitgliedern gezahlt. Später zahlte die Hälfte mehr,
überwiegend 10M, aber auch bis zu 25M. Säumige Beiträge wurden wohl per Nachnahme eingezogen.

- Die aktive Gesellschaft zahlte bis 1907/08 eine jährliche Miete von 1400M (für die Kneipe 300M und für das
Wohnhaus je Semester 550M). Für das SS 1905 wurde die Kneipmiete erlassen.

- Einnahmen und Ausgaben hielten sich in einer Höhe von jährlich etwa 3200 – 4500 M.

- Am 1.10.1896 waren an Darlehen aufgenommen bei einer Bank 16.000M zu 3,5% verzinslich, 28.300M bei
Bundesbrüdern zu 2,5% verzinslich und 8400M unverzinslich. Mit der Rückzahlung der Darlehen der Mitglieder wurde
1897 begonnen (2000M). 1898 wurden 6600M Darlehen zurückbezahlt und 4400M auf einen Zins von 3% umgestellt.
Die letzten kündbaren Darlehen waren 1901 zurück bezahlt. Die jährlichen Zinszahlungen betrugen zu dieser Zeit rund
820M.

Das Leben von aktiver Gesellschaft und Altenverein schien ruhig zu verlaufen. Aber der Schein trog. Der bauliche
Zustand des Wohnhauses in Tübingen war schlecht. Im Herbst 1902 besprachen der Vertreter des Altenvereins in
Tübingen Ernst Hory und Kassier Paul Hochstetter die Lage. Ein Zimmer wurde ab SS 1903 für unvermietbar erklärt.
Ab WS 1903/04 war dann die Dienerwohnung unbrauchbar; Sieß bekam eine Wohnung im ersten Stock des Hauses.
Architekt G.Kocher in Tübingen und Baurat L.Eisenlohr in Stuttgart erhielten Aufträge zu Begutachtungen. Aus den
Gutachten vom 31.12.1902 bzw. 17.3.1903 ergibt sich:

Auf das einstockige Haus hatte man ohne Verstärkung der Fundamente ein Stockwerk gesetzt. Die schwachen
Fundamente lagen teilweise über der Frostgrenze, so daß sie bei Tauwetter in Bewegung kamen. Insbesondere im
Anbau hatten sich Setzrisse gebildet, die sich vergrößerten. Die Fußböden waren vielfach schief. Aufsteigende
Feuchtigkeit zerstörte besonders an Nord- und Ostseiten, wo die Mauern auch als Stütze gegen das höher gelegene
Gartenterrain dienten, Verputz, Holzwerk und Tapeten. Die Plattform über der Dienerwohnung war schadhaft, ebenso
die hölzernen Balkone, Veranden, Dachvorsprünge und Fensterläden. Im Innern war der ganze Wand- und
Deckenverputz zu erneuern, die tannenen Bretterfußböden sowie die Türen erschienen reparaturbedürftig, der
Steinplattenbelag im Öhrn war auszuwechseln. Ganz schlimm wurde die Abortanlage für die oberen Stockwerke
beurteilt. Für korpulente Herren sei sie zu klein und wegen des fehlenden Veschlusses verbreite sich auch im Winter ein
starker Geruch. Die Abortgrube war für Wassernachguß zu klein.

Während Architekt Kocher die nötigsten Reparaturen auf über 12.000M veranschlagte und wegen der nicht zu
beseitigenden Hauptmängel von einer durchgreifenden Reparatur abriet, meinte Werkmeister Mehrer vom Büro
Eisenlohr, die Reparaturkosten würden sich auf 6-7000M belaufen, “wenn sich nicht noch andere jetzt nicht sichtbare
Schäden zeigen”. Das Haus könne noch auf etwa 15 – 20 Jahre erhalten werden.

Gleichzeitig wurde geprüft, ob eine Erweiterung des Kneiphauses möglich sei. Eisenlohr machte hierzu vorläufige
Pläne, die einen Anbau mit Vergrößerung des Kneipsaals auf 47 Plätze, im Dachgeschoß eine Dienerwohnung und zwei
Studentenzimmer sowie im Keller einen Fechtboden vorsahen. Die Kosten dieses Umbaus schätzte er auf 25-30.000M.
Der Altenausschuß übersandte die beiden Gutachten sowie den vorläufigen Umbauplan für das Kneiphaus in einer
Denkschrift vom 31.7.1903 den Mitgliedern. Er schlug vor, das Kneiphaus sofort auf der Grundlage des Eisenlohrschen
Plans umzubauen und auf die weitere Erhaltung des Wohnhauses zu verzichten. Das dann vorhandene
Gesellschaftshaus sei in einfachem Villenstil frei von unberechtigtem Luxus und ermögliche der aktiven Gesellschaft
einen vereinfachten und angemessenen Betrieb. Auch das lästige Vermieten von Zimmern entfalle.

Die Mitgliederversammlung vom 20.9.1903 folgte dem Vorschlag des Ausschusses nur teilweise. Für das Wohnhaus
sollten keine größeren Aufwendungen mehr gemacht werden. Damit war ihm das Todesurteil gesprochen. Dagegen
lehnte die Versammlung einen Umbau des Kneiphauses ab. Es sollten vielmehr weitere Erhebungen angestellt werden.
Gleichzeitig wurde der jährliche Mitgliedsbeitrag von 5 auf 10M erhöht, ein Beschluß der als Satzungsänderung der
Genehmigung des Innenministeriums bedurfte.

Der Vereinsausschuß (Hauber, Haidlen, Faber, Hochstetter und Schriftführer Jehle) erweiterte sich zur Baukommission
(Karl Geyer I, Karl Elben, Karl Zindel I, Felix Steudel, Karl Raiser I, Otto Elben I). Mit Oberbaurat Eisenlohr wurden
verschiedene Alternativen überprüft. Schließlich kam man zum Ergebnis, nur der großzügige Umbau des vorhandenen
Kneiphauses (Kosten 50.000M) oder ein völliger Neubau (ca 90.000M) könnten ernstlich in Frage kommen. Der
erweiterte Ausschuß schlug der Mitgliederversammlung den Umbau des Kneiphauses vor. Damit werde den
Bedürfnissen der aktiven Gesellschaft genügt51.

Die Mitgliederversammlung vom 9.10.1904 in Esslingen war eine der folgenreichsten in der Geschichte der Stuttgardia.
Von 207 Mitgliedern waren 62 anwesend und 39 vertreten. Der Antrag des Ausschusses wurde mit erheblicher
Mehrheit abgelehnt. Neben einer Richtung, die für Vertagung eintrat, waren andere, die einen Neubau als einzige der
Gesellschaft würdige Lösung ansahen. Schließlich wurde mit großer Mehrheit beschlossen, die Entscheidung, ob ein
Neubau oder ein Umbau erfolgen solle, vom Ergebnis einer Geldsammlung abhängig zu machen. Der Baufrage war
damit eine bestimmte Richtung gewiesen.

Darauf zeichneten 114 Mitglieder 32.360M, 32 Alte lehnten eine Zeichnung ab, 63 Alte antworteten nicht. Trotz des
nicht ungünstigen Ergebnisses konnte sich der Ausschuß nicht zu einem Vorschlag für die Mitgliederversammlung vom
8.10.1905 entschließen. Das vorhandene Wohnhaus konnte nach den nunmehrigen Feststellungen trotz Ausbesserungen
in zwei bis drei Jahren nicht mehr bewohnt werden. Es war mittlerweile ein beliebter Scherz von Bewohnern, durch
geschickte Gewichtsverlagerung das Haus in Schwingungen zu versetzen und Schläfern ein Erdbeben vorzutäuschen.
Die Versammlung beschloß, neben dem Mitgliedsbeitrag von 10M einen besonderen freiwilligen Jahresbeitrag von
10M für den Hausbau sechs Jahre lang zu erheben und im übrigen die Sammlung fortzusetzen.

Allmählich wurden die Baupläne konkreter. Der Ausschuß besah sich alle Tübinger Verbindungshäuser von außen und einige auch
von innen. Regierungsbaumeister Richard Dollinger, ein Bruder des Mitglieds Paul Dollinger, wurde mit der
Anfertigung von Plänen beauftragt. Seinen Entwurf für einen Neubau legte der Ausschuß in einer Denkschrift vom
September 1906 vor. Die Pläne zeigten im Erdgeschoß den Kneipsaal, Kaffee- und Nebenzimmer sowie Dienstzimmer
und Wohnung des Hausmeisters. Im ersten Obergeschoß sollten sechs Studentenzimmer, meist mit besonderem
Schlafzimmer, und im zweiten Obergeschoß der Hauboden sowie ein Altherren-Gastzimmer mit drei Betten sein. Der
Plan enthielt bereits die für den späteren Bau charakteristische Eckstellung von zwei Baukörpern. Dr Architekt schrieb
zu seinem Entwurf: “Der Ankommende soll den Eindruck haben, in einen kleinen, freundlichen Schloßhof einzutreten.
Der Kneipsaal als Herrenhaus und der vorspringende Flügel des Hausmeisters unterscheiden sich in einfacher Klarheit
und wirken doch wieder zu einem künstlerischen Ganzen zusammen. Dem ganzen Gesellschaftshaus ist der Charakter
eines behaglich-eleganten, süddeutschen Barockschlößchens zu geben versucht: gegen die Zugangsstraße zierlich und
abwechslungsreich, gegen das Neckartal breit und wirkungsvoll.” Tatsächlich zeigten die Pläne barocke Volutengiebel
und Fensterumrandungen.

Der Ausschuß beantragte bei der Mitgliederversammlung, den Neubau auf der Grundlage dieses Entwurf zu errichten.
Aus dem Erwerb des Grundstücks und dem Bau des Kneiphauses seien zwar noch Schulden über 51.800M vorhanden.
Es müsse jedoch berücksichtigt werden, daß eine Konkurrenz mit den anderen Tübinger Verbindungen bei den
vorhandenen baulichen Einrichtungen sehr erschwert werde. In Tübingen beurteile man eine Verbindung, mehr als in
einer größeren Stadt, nach ihrem Haus. Dies beeinflusse die Neigung zum Beitritt nicht unerheblich. Es spielte dabei
sicher eine Rolle, daß die Nachbarn der Stuttgardia, die Corps Franconia und Borussia, in dieser Zeit hochragende
Häuser errichteten. Die Anschauungen über die Größe und Ausstattung eines Studentenhauses hatten sich in dem
Jahrzehnt seit dem Bau des Kneiphauses von 1894/95 grundlegend geändert.

Diesmal folgte die Mitgliederversammlung am 7.10.1906 dem Ausschuß und beschloß die Errichtung eines Neubaus.
Der Mitgliedsbeitrag wurde auf 30M jährlich festgesetzt52 und im übrigen einem erweiterten Ausschuß Ermächtigung
erteilt. Die bisherigen Ausschußmitglieder (Hauber, O.Haidlen, Faber, Hochstetter und Jehle) wurden wiedergewählt
und zusätzlich Otto Elben I, Theophil Frey, Paul Göz, Hermann Leibnitz, Heinrich Lotter, Adolf Pischeck, Karl Raiser,
Ludwig Schaller, Paul Yelin sowie das Präsidium der aktiven Gesellschaft in den Ausschuß entsandt. Diese 15köpfige
Baukommission entschied sich nach einigen Sitzungen endgültig für Richard Dollinger als Architekten. Auf Wunsch
der Kommission änderte er seinen Entwurf in wesentlichen Teilen, bis am 31.1.1907 die Pläne gebilligt wurden53. Die
weitere Arbeit übernahm dann der Vereinsausschuß, in dem sich vor allem Oskar Haidlen und Adolf Faber um den
Neubau verdient machten54. Das am 6.3.1907 bei der Stadt vorgelegte Baugesuch erhielt schon am 8.4.1907 die
Genehmigung des Oberamts55.

Bereits am 24.2.1907 hatte die aktive Gesellschaft vom alten Wohnhaus mit einem Tanzfest Abschied genommen. Der
Gesellschaftsdiener erhielt eine Mietwohnung. Im April 1907 erfolgte die Vergabe der Abbrucharbeiten sowie der
Grab-, Maurer- und Zimmerarbeiten an Werkmeister Dannemann, der Schmiedearbeiten an Meister Schaal, der
Flaschnerarbeiten an Meister Dinkel und der Dachdeckerarbeiten an O.Peetz. Mit den Firmen Dinkel und Peetz
arbeitete die Stuttgardia noch um 1980 zusammen. Im Herbst stand der Rohbau. Sein Voranschlag konnte eingehalten
werden, dagegen wurde die Innenausstattung, insbesondere von Kneipsaal, Diele und Nebenzimmer (heute
Fernsehraum), nochmals überprüft. Die ursprünglich vorgesehene umfassende Bemalung der Kneipsaaldecke und der
Fläche über dem Kamin in der Diele sowie die Vertäferung des Nebenzimmers unterblieben. Die Bundesbrüder wurden
um Dedikationen gebeten. Die Brüder Oskar, Richard und Manfred Haidlen stifteten darauf nach dem Entwurf
Dollingers ein farbiges Fenster in den Kneipsaal56. Ein weiteres bemaltes Glasfenster schmückt heute noch das
Fernsehzimmer. Ferner sammelte ein Komitee der Frauen unter Führung von Lina Geyer, Marie Hochstetter, Franziska
Elben und Dore Sarwey. Diese Sammlung wurde mit einem Fond, den Frau Rudolf Mohl schon früher
zusammengebracht hatte, vereinigt. Die Damen stifteten so die reichen Beleuchtungskörper der Kneipe, einen
Präsidialstuhl sowie eine reduzierte Bemalung der Kneipsaaldecke57. Am 15.2.1908 stieg die Abschiedskneipe im alten
Kneiphaus, das darauf ebenfalls abgebrochen wurde. Seit dem 19.2.1908 nutzte die aktive Gesellschaft das neue Haus.
Mit dem Hausbau wurden umfangreiche Stützmauern errichtet58. Am Bau hatten neben Architekt Dollinger der
Regierungsbaumeister Fetzer, der als “ein feinsinnig künstlerischer Gehilfe” bezeichnet wurde sowie der örtliche
Bauwerkmeister Götz mitgewirkt.

Zu diesem Zeitpunkt waren aus dem Erwerb des Grundstücks und dem Bau des alten Kneiphauses noch Schulden
vorhanden. Im Herbst 1908 lag der Stand der von Mitgliedern hierfür und für den Bau des neuen Hauses gewährten
Darlehen bei 93.250M, davon 85.350M zu Zinssätzen zwischen 2 und 4 %. Die Zahl der Alten betrug 1908 226.

Für das Bauvorhaben erwarb der Altenverein von der Stadt Tübingen 42 qm Gelände an der nordwestlichen
Grundstücksecke, gab jedoch andererseits 32 qm an die Stadt ab. An das Corps Franconia veräußerte er einen kleinen
Grundstückswinkel von 5 qm. Das Grundstück maß nun 29,06 ar60.