Das Leben auf dem neuen Haus

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Beschreibungen des Bundeslebens aus der folgenden Zeit rühmen immer wieder, wie behaglich, gemütlich und
zweckmäßig das neue Haus eingerichtet war68. Allerdings gab es in den Zimmern noch kein fließendes Wasser,
sondern einen Waschtisch. Die Benutzung des Bads kostete 30 Pfennig. Mit dem Haustelefon konnten von jedem
Stockwerk aus Bestellungen beim Hausmeister aufgegeben werden.

Auf die Anschaffung der noch fehlenden Einrichtungsgegenstände verwandte man besondere Sorgfalt und bemühte
sich, Geschmackvolles aufs Haus zu bringen. Viel Liebe wurde der Bücherei zuteil, deren Grundstock eine Stiftung der
Eltern des 1908 verstorbenen Walter Spitta bildete. Jeder Bundesbruder hatte ein Buch zu spenden. Der Bücherwart
überwachte das Entleihen und machte dem Konvent Vorschläge für Neuanschaffungen. Die Literaturfreunde unter den
Mitgliedern schwärmten noch später von der Güte des Bücherbestands69. Hans Wildermuth berichtete, daß allgemein
großer Wert auf literarische Bildung gelegt wurde und daß Debatten über literarische Themen Höhepunkte im
Bundesleben waren.

Auf dem Haus lagen Zeitungen aus. Dabei gab es unterschiedliche Meinungen über deren Tendenz. Der betont
rechtsstehende Battenberg habe auf eigene Kosten die preußische “Kreuzzeitung” gehalten, worauf Julius Römer (laut
Reinhold Maier “von unbändiger Freiheitsliebe beseelt”) zusammen mit anderen (wohl Reinhold Maier und Eberhard
Wildermuth) dies mit einem Abonnement der liberalen “Frankfurter Zeitung” ausgeglichen habe70.

Das Frühstück wurde von dem Hausbewohnern im sog. Frühstückszimmer (heute Bibliothek) eingenommen, zu
Mittag aß man im Eßzimmer an einem Hufeisen-Tisch mit dem Blick über die Terrasse zur Alb. Das Essen war
ausgezeichnet, denn Katharina Sieß war eine vorzügliche Köchin. Es war für Füxe und Burschen offiziell, doch aßen
auch Inaktive und die sog. Tübinger Auswärtigen gern mit. Trinkzwang bestand beim Mittagessen nicht. Obwohl das
Spiel mit zweideutigen Witzeleien oft zum Verhalten in einer Männergesellschaft gehörte, wurden schon geringe
Anzüglichkeiten beim Mittagessen mit “zwei Maß” = 40Pfennig geahndet. Nach der Überlieferung sollen ältere
Mediziner, speziell die Gebrüder Walcher, öfters auf diese Weise bestraft worden sein, da sie versucht hätten, durch
“wissenschaftliche Bemerkungen” den Bundesbrüdern den Appetit zu verderben, um selbst größere Portionen zu
erlangen. An das Mittagessen schloß sich ein Kaffee an. Zu Abend aß man gewöhnlich auch auf dem Haus und bestellte
dabei nach der Karte. Einmal in der Woche gab es ein gemeinsames Abendessen. Die Bewirtschaftung des Hauses
erfolgte im Kasinobetrieb71, bei dem der Hausmeister sein Einkommen teilweise durch den Verkauf von Speisen
erzielen mußte. Es sollten daher wenigstens 25 – 30 Aktive und Inaktive vorhanden sein, eine Zahl, die die Stuttgardia
in dieser Zeit allerdings nicht immer erreichte.

Die offizielle Kneipe, in der Regel am Samstagabend, war immer noch wesentlicher Bestandteil des
Gesellschaftslebens72. Zuvor traf man sich ab 6 Uhr zum für die Aktiven offiziellen Vesper im “Kommerell”73. Dort
benutzten die Bundesbrüder spezielle im Privateigentum des einzelnen stehende 0,3-Liter-Gläser mit eckiger Hochform.
Der Deckel bestand aus einem von einem fliegenden Adler gekrönten Zinnrand mit Einlage einer leicht gewölbten
Porzellanplatte, auf der außen das Bundeswappen mit den Worten “Hoch Stuttgardia allezeit” gemalt war. Auf der
Innenseite des Deckels stand die Dedikation (Widmung) des Schenkers, also z.B. “N.N. s.l.Leibfux X.Y.
z.frdl.Erinnerung, Tübs Weihnachten 1908″74. Das Vesper war ohne Leitung verhältnismäßig zwanglos, doch bestand
die Pflicht zum Quanten-Nachkommen. Als Getränk kam kaum etwas anderes als Bier in Betracht, entweder
Münchener Löwenbräu, das Glas zu 10 Pfennig, oder Pilsner Urquell, das Glas zu 15 Pfennig. Dazu genoß man die
üblichen Kommerell-Spezialitäten, z.B. Laugenbrezeln mit Butter, Krabben-Brote, “Negerei” (hartes Ei an den
Schnittflächen mit Kaviar bestrichen) oder “Kraftei” (Bouillon). Durch das Vesper kam man in Stimmung, bevor noch
die Kneipe begonnen hatte.

Diese fand auf dem Haus statt. Getrunken wurde hier aus Igel-Gläsern, den speziell in Tübingen gebräuchlichen
Deckelgläsern in kugeliger Form mit Noppen an der Außenseite75. Sie faßten ebenfalls 0,3 Liter, so daß man
gegenüber den in anderen Universitätsstädten teilweise gebräuchlichen größeren Gläsern beim Extrinken nicht so sehr
geplagt war. Die runde Form dieser Seidel erschwerte allerdings das Leertrinken beim Wetttrinken des Bierjungen. In
der Zeit um 1908 war unbestrittener Meister im Wetttrinken Reinhold Maier, der nicht zu schlucken brauchte, sondern
den Inhalt des Glases hinunterkippen konnte76.

Der gemeinsame Gesang und die Darbietungen einzelner mit der Möglichkeit der Bereicherung durch Zwischenrufe
kennzeichnete die Kneipe. Dichterische und künstlerische Talente wetteiferten77. Für witzige rhetorische Einfälle gab
es ein aufnahmefreudiges Publikum. Dem Kneippräsidium fiel die Aufgabe der Moderation zu. Hans Wildermuth
berichtete, in diesem Bierdunst sei ein eigener, oft saftiger, aber herzerfrischender Witz gezüchtet worden, der in Reden
und Kneipzeitungen viele erfreuliche Blüten getrieben habe. Die besten Leistungen wurden auch in dieser Zeit in dicken
Folianten gesammelt. Alkoholische Exzesse widersprachen an sich den Regeln, dennoch war ein scharfes Zechen
üblich, von dem Hans Wildermuth meinte78, es sei ein bodenloser Unfug gewesen, daß sich 18 – 20jährige zweimal in
der Woche mit Bier vollaufen ließen. Manche hätten die Kneipe aus ihrer zentralen Stellung verdrängen wollen, doch
habe man nichts als Ersatz gesehen.

Am Sonntagvormittag um 11 Uhr war offizielle Frühmesse mit Bier, Laugenbrezeln und Bismarckheringen. Die
hochoffiziellen Gelegenheiten, wie Semesterantrittskneipe und Stiftungsfestfrühmesse, leitete das
Gesellschaftspräsidium selbst. Diese Feste wurden wesentlich aufwendiger begangen. Außer Pilsner Urquell und
Laugenbrezeln gab es kalte Platten und belegte Brötchen mit jedem erdenklichen Belag, einschließlich Kaviar und
Gänseleberpastete. Gegen Ende der Festfrühmesse pflegte der “Sektstiefel” zu kreisen, ein drei Flaschen fassendes
Glasgefäß in Stiefelform mit Silberrand, die Stiftung wohlgelaunter Alter, eines erfolgreichen Examenskandidaten oder
die Folge einer Wette.

Neben Kneipe und sonntäglicher Frühmesse gab es wöchentlich einen Spielabend auf dem Haus und einen Kegelabend
in der Stadt. Glücksspiele waren auf dem Haus bei hoher Strafe (20M) verboten. Sie kamen allerdings bisweilen im
privaten Zirkel einer Budeneinladung vor. Im Mai 1909 beschwerte sich die aktive Gesellschaft beim Altenverein, daß
Alte mit Aktiven Glücksspiele betrieben hätten79.

Unter den Lokalen in der Stadt besuchte man damals außer dem “Kommerell” regelmäßig nur das Café Spieß
(Schulberg4/Pfleghofstr.15). Dort gab es eine besonders große Auswahl an Schnäpsen und Likören, sowie daraus
gemixten Cocktails. Gelungene Mischungen von Studenten wurden auf die gedruckte Karte aufgenommen. Battenberg
steuerte eine Mischung mit der Bezeichnung “Dalai Lama”, dem Spitznamen des damaligen Gesellschaftspräsidiums
Gustav Schwab, bei.