Konstituierung als Verbindung

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Die Gemeinschaft der Freunde lehnte sich an damalige studentische Bräuche an. Sie hielt wöchentlich einmal, später zweimal Kneiptage und nach Bedürfnis Konvente ab, beide geleitet von einem monatlich gewählten Präsidium. Der Kreis war offen für Neuzugänge. Im Februar 1870 nahm er den Theologiestudenten und Angehörigen des Stifts Eugen Sieglin auf. Im WS 1870/71 wurden zwei weitere “Füxe” rezipiert. Im folgenden SS 1871 kam ein Mitglied hinzu und im WS 1871/72 traten vier Studenten ein. Von den letzteren sind zwei, nämlich Karl Weizsäcker und Hermann Wildermuth, besonders bemerkenswert. Von Hermann Wildermuth wissen wir, daß sein Beitritt mit Einwilligung des Vaters erfolgte12. Karl Weizsäcker war der Sohn eines bedeutenden Tübinger Theologieprofessors, der damals bereits Universitätsrektor gewesen war. Die neue Gesellschaft hatte somit bereits solches Ansehen, daß der Altrektor der Universität seinen Sohn beitreten ließ. Karl Weizsäcker wurde später württembergischer Ministerpräsident, Hermann Wildermuth ein bedeutender Nervenarzt. Wenn die junge Stuttgardia diese Männer an sich binden konnte, zeigt dies wie anregend die Geselligkeit in diesem Kreis gewesen sein muß. Die Stuttgardia bildete in ihren ersten Jahren eine sehr homogene, innerlich fest geschlossene Gruppe von Freunden. Die bei anderen Verbindungen vorkommenden Spaltungen gab es nicht. Wer rezipiert wurde, blieb, von wenigen Ausnahmen abgesehen, dabei.

Bis zum Ende des WS 1871/72 hatte sich der Freundeskreis auf 15 Mitglieder erweitert13. Er nahm durch
Konventsbeschluß vom 23.4.1872 den Namen “Stuttgardia” an14. Diese Bezeichnung habe die Tübinger Mitwelt der Gesellschaft schon längere Zeit beigelegt. Maßgebend hierfür sei die überwiegende Herkunft der Gründer vom Stuttgarter Gymnasium gewesen. Die danach hinzugekommenen Mitglieder stammten allerdings meist aus Tübingen. Im SS 1872 erhielt der Gesellschaftszirkel mit den verschlungenen Buchstaben V, C, F und St (vivat, crescat, floreat Stuttgardia) offizielle Geltung15. Die Gesellschaft gab sich ferner zu Anfang des SS 1872 Statuten, die jedoch nicht erhalten blieben.

Im Juli 1873 wurde anläßlich der Enthüllung des Uhland-Denkmals erstmals das Verhältnis zu anderen Verbindungen aktuell16. Es ist die Rede von vier “Bummlergesellschaften”, d.h. Gemeinschaften, die nicht als Korporationen angesehen wurden und die nicht beim Rektorat gemeldet waren17. Die Stuttgardia wurde bei den Feierlichkeiten in einer für sie befriedigenden Weise berücksichtigt, doch sind Einzelheiten nicht überliefert.

Eine andere dieser “Bummlergellschaften” war vermutlich der Sonnenklub. Seine Mitglieder stammten überwiegend aus Stuttgart. Sie hatten von einem gemeinsamen Studentenleben dieselben Vorstellungen wie die Stuttgarden. Ihre
Kneipe hielten sie im Gasthof Löwen ab, wohin auch die Stuttgardia inzwischen ihre Zusammenkünfte verlegt hatte. Wegen der zunehmenden Konkurrenz kam es zu Verhandlungen, die auf Seiten der Stuttgardia vor allem von Karl Geyer I und auf Seiten des Sonnenklubs vornehmlich von Eduard Seeger geführt wurden. Am 7.3.1874 traten die acht Mitglieder des Sonnenklubs der Stuttgardia bei. Darunter waren Hermann Kern, Heinrich Kreuser, Heinrich Mosthaf und Oskar Haidlen, von denen sich vor allem letzterer in der Stuttgardia später hervorgetan hat.

Mit der offiziellen Anmeldung der Gesellschaft beim Universitätsrektorat im WS 1874/75 fand die Konstituierung ihren formalen Abschluß. Die Vorschriften für die Studierenden verlangten die Vorlage der Satzung sowie der Namen der Mitglieder18. Mit der Anmeldung war die Gesellschaft gleichsam Teil der Universitätsgemeinschaft geworden. Sie hatte das Recht, an offiziellen Feierlichkeiten teilzunehmen.