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Die Akademische Gesellschaft Stuttgardia ist eine liberale, nicht schlagende, nicht farben-tragende Korporation von Studentinnen und Studenten an der Eberhard Karls Universitaet Tübingen
Bereits unter den Gründern hatten sich Adolf Holtzmann und Ludwig Mayer dichterisch hervorgetan. Die Gedichte und sonstigen Vorträge wurden “Kneipzeitungen” genannt und seit der Frühzeit in Bücher eingetragen. 1894 gab es vier starke Bände mit Eintragungen “einer teils mehr, teils minder begnadeten Dichterthätigkeit”46. Die in der Festschrift 1894 abgedruckten 25 Gedichte geben einen Einblick in die Pflege des Dichtens in einer Korporation der damaligen Zeit. Nach dem Bundeslied folgte ein Gedicht von Karl Stieler an Tübingen. Abert steuerte eine gefühlvolles “Lied vom Österberg” bei, das nicht identisch mit dem heute noch gesungenen “Altenlied” ist. Das Gedicht “Jockele sperr” von G.Walcher (später auch Flößerlied genannt) befaßte sich mit der damals noch üblichen Neckarflößerei. Ludwig Mayer besang ein Niedernauer Tanzfest. Die übrigen Gedichte sind meist zu bestimmten Anlässen verfaßt worden, wie zu Kneipen, zum Stiftungsfest, zum Fuxenstoß oder zur Kandidatenfuhre47.
Zu den Kneipbräuchen gehörte das Singen von Studentenliedern. In den ersten Jahren der Verbindung habe sich der Biergesang nur langsam zu Harmonie entwickelt. Bereits kurz nach der Gründung sei ein Quartett gebildet worden, doch habe es “wegen allzu üblem Zusammenklingen” wieder aufgelöst werden müßen. 1874 ist dann von einem guten Doppelquartett die Rede. In den 80er Jahren wird eine Vereinigung von Bundesbrüdern erwähnt, die unter dem Namen “Söflinger Liederkranz” mit ihren Gesängen zur Belebung der Kneiptage beigetragen habe.
Allmählich trat zu den allgemeinen Kneipgesängen ein kleiner Schatz von Liedern, die von Bundesbrüdern und
Freunden der Gesellschaft gedichtet oder komponiert worden waren. Eines dieser Lieder war das Bundeslied:
Faßt das Glas mit kräft’ger Hand,
Seht, schon schäumt es bis zum Rand;
Schäumend leert es auf den Grund,
Unser erstes unserm Bund,
Den nie farb’ge Bänder knüpften,
Stets der Geist der Einigkeit:
Stoßet an und lasset leben
Hoch Stuttgardia allezeit!
Füllt und trinkt die Nagelprob’,
Unsern Alten sei’s zum Lob,
Unsrer Alten treuem Sinn
Trinkt in der Erinn’rung Glüh’n!
Was in Freundschaft sie gegründet,
Heute zeigt sich’s echt und wahr:
Stoßet an und lasset leben
Unsre Alten immerdar!
(Laßt die Hörner kreisen um!
Unsres Vaterlandes Ruhm,
Deutschen Reiches Herrlichkeit
Sei das dritte Glas geweiht!
Mächtig über Deutschlands Gauen
Schwebt des Reiches stolzer Aar;
Mächtig laßt die Stimm’ erschallen:
Hurrah Deutschland immerdar!)
Jetzo denkt mit heil’gem Sinn
Deutscher Mädchen, die erglüh’n
Für des Burschen Herrlichkeit,
Ihnen sei dies Glas geweiht!
Dich mit deinen blauen Augen
Grüßen wir, du holde Maid,
Lieben wollen wir, ja lieben
Deutsche Mädchen allezeit!
Das Lied ist im November 1877 beim Stiftungsfest erstmals von einem Quartett vorgetragen worden. Sein Text
stammte von dem erst einen Monat zuvor rezipierten Forststudenten Ludwig Ortlieb. Er war dichterisch begabt, und ihm glückte mit diesem Gedicht ein guter Wurf. Der Inhalt von drei Strophen konnte seit über 100 Jahren von allen Stuttgardia-Generationen bejaht werden. Die Hinweise auf den Geist der Einigkeit, auf die Ablehnung des Farbentragens, auf die Treue der Alten und auf die Liebe umspannen für die Mitglieder der Stuttgardia wichtige Gesichtspunkte ihrer Gemeinschaft48. Zeitbedingt geriet dem jungen Dichter die dritte Strophe, die nach dem zweiten Weltkrieg nicht mehr vorgetragen wurde. Herkömmlicherweise werden die Strophen 1, 2 sowie 4 und sodann zum Abschluß nochmals die erste Strophe gesungen, wobei beim zweiten Singen der ersten Strophe statt des “ersten” Glases das “letzte” auf den Bund geleert wird.
Die Worte aus dem Bundeslied “Hoch Stuttgardia allezeit” wurden in der Folgezeit auf Krugdeckeln und Bilder
angebracht, so daß bisweilen die Meinung aufkam, dies sei die Devise (der Wahlspruch) der Gesellschaft49.
Tatsächlich besaß die Stuttgardia jedoch bis 1949 keinen gemeinsame Wertvorstellungen ansprechenden Denkspruch.
Die Festschrift 1894 enthält “Variationen zum Bundeslied”, die Beispiele für die Dichtkunst der jungen Stuttgardia bilden50:
Aus den “Variationen zum Bundeslied”
Nach G.A.Bürger
Gebt mir das Glas vom Tische her,
Ich will nicht länger säumen.
Bist voll, mein Glas, du oder leer,
Was soll das wilde Schäumen?
Ich leere dich bis auf den Grund,
Ich trink’ dich aus auf unsern Bund,
Den keine Bänder schmückten
Und Farben nie berückten.
Laß kreisen nun die Hörner um,
Laß kreisen nur, laß kreisen,
Des deutschen Vaterlandes Ruhm,
So soll’s zum zweiten heißen.
Drum füllet schnell den Becher mir,
Ob Bier, ob Wein, ob Wein, ob Bier:
Ich leere ihn aufs neue
Wohl auf die deutsche Treue.
Nun spring, und bring, und schwing das Glas,
Wir trinken’s auf die Alten,
Die hier und dort ohn’ Unterlaß
Gar treu zu uns gehalten.
Graut Füxlein – höre, Fux, sei hell,
Wir und die Alten trinken schnell -
Graut Füxlein auch vor Alten?
“Nein, doch du mußt mich halten.”
Wie flogen rechts, wie flogen links
Die Alten und die Jungen,
Wie lallten links und rechts und links
Die Füx’ mit schweren Zungen.
Und gille, gille, glucks, glucks, glucks,
Die Kehl’ hinab mit Schlicks und Schlucks,
Und Jung’ und Alte tranken,
Und Fux und Bursche wanken.
Holla, holla, Fux, sei bereit,
Es steht mir jetzt im Sinne,
Zu trinken auf die deutsche Maid,
Die glüht in holder Minne.
Graut Füxlein – Dondersfux, sei hell,
Wir trinken auf die Mädchen schnell -
Graut Füxlein auch vor Mädchen?
“Nein, doch ich krieg’ das Rädchen.”
Wie dreht sich’s rechts, wie dreht sich’s links,
Vergleichbar einer Mühle,
Wie tanzen links und rechts und links
Die Gläser, Tisch und Stühle.
Und – - -
Nach Heinrich Heine
Das Glas erschäumet wild zum Rand,
Es kommen und geh’n die Gedanken -
Mir träumte: wir saßen Hand in Hand,
Wir saßen still und tranken.
Der Nebel stieg, der Rausch erschwoll,
Wir dachten der alten Brüder,
Die heute, wie immer, liebevoll
Blicken zu uns hernieder.
Dann schwebte mir vor ein Bild, so hold,
Rein, schön die Schwester vom Bunde,
Mir war’s zu Mut, als ob ich sollt’
Ausleeren das Glas bis zum Grund.
Seit einer Stund’ war mir’s angethan,
Das Herz ist bald heiß, bald lau mir -
Mich hat der unglückselige Mann
Vergiftet mit seinem Saubier.
Nach Richard Wagner
Füllet mit Freibier,
Freißliche Freunde,
Klingendes Glas mir!
Zullend ziehet
Bräunlichen Bräu,
Sehet nur selbst:
Wallend und wogend
Wuselt zum Rand er,
Hület den huien
Hurtig nun aus,
Trinket den Trank
Allen den Alten,
Schmecket ihn schmeichelnd
Minniger Maid, -
Heiaha, heiaha!
Gleich nun das Glas
Füllet mir, Füxe.
Lallend und lackernd
Leer’ ich den letzten.
Weia, weia!
Weh’ mir, es wabert,
Zabert und zittert
Bänglich der Bauch mir.
Weiter nicht trau’ ich
Trüglichem Tranke:
Mörd’rischer Müller,
Selber allein
Sauf’ deinen Sudel!
Die Melodie des Bundeslieds stammte von Hermann Habermaas, dem späteren württembergischen Kultminister. Auch hierzu gab es später Variationen; bekannt waren die von Joachim Heinemann und Eberhard Siegrist, die stets ein begeistertes Publikum fanden.
Ludwig Ortlieb schrieb im Alter ein Gedicht mit der Überschrift “In Erinnerung an den Familienabend auf der Solitude (am 28. Mai 1932)”51:
Sie singen es noch, das “Bundeslied”,
das Lied mit den kindlichen Reimen,
drin Alten- und Mädchenliebe erglüht,
drin wilde Biergläser schäumen.
Es muß noch etwas darinnen sein:
Vielleicht gerade das Schlichte
aus jungeinfältigem Herzensschrein
von bundesbegeistertem Wichte.
Als fertig es war, so recht und schlecht,
auf Habermaas’ Bud’ ich’s skandierte;
der g’rad nicht wälzte “das Römische Recht”,
vielmehr, wie gewöhnlich klavierte.
Gleich griff er in schwarzweiße Tasten hinein,
leis vor sich summt’ eine Weise.
Geh! rief er – bitte, laß mich allein,
sonst komme ich nicht in’s Geleise!
Kaum hatt’ er gezogen das klingende Kleid
um meine bedürftige Leier:
Stuttgardia! – scholl es – Hoch alle Zeit!
im “Hades” zur Bundgründungsfeier.
Denk heut ich daran, wird’s wind mir und weh.
Was war – es kehrt nimmermehr wieder.
Viel Häupter deckt und viel Gräber der Schnee, -
Die Jugend singt fort unsre Lieder.
Eine andere verbindungseigene Komposition war der von Rudolf Mohl (rezipiert 1881) komponierte (erste) Stuttgardia-Marsch, der noch bis in die 30er Jahre beim Familienabend gespielt wurde. Mohl pflegte dabei zu seinen Lebzeiten mit Schüssen aus einer Pistole “den eigenwilligen Rhythmus seiner straffen Weise zu unterstreichen”52. Ein weiterer begabter Komponist war der 1890 aufgenommene Hermann Abert, von dem ein zweiter Stuttgardia-Marsch, ferner eine Imnauer Festpolonaise und ein Rheinlied stammten. Von Abert hat sich das heute noch in Stuttgardia-Kreisen viel gesungene Altenlied erhalten, in dem er sich an seine Tübinger Studienzeit erinnert53:
Steig’ auf, mein Sang, und leichtbeschwingt
Laß uns zu Berge fahren!
O Österberg, dein Name klingt
Wie Lieb’ aus jungen Jahren!
Dir hab’ ich einst in stiller Nacht
Vertraut die Burschenkrone;
Heut heb’ ich sie aus Bergesschacht
Neu auf zum Licht der Sonne.
Dich grüß’ ich wieder, graues Schloß,
Mit turmbewehrten Zinnen!
Leis tönt aus kühlem Wellenschoß
Das Lied der Wasserminnen.
Es tönt wie holder Kinderklang
Aus dunklem Schwarzwaldhaine,
Es rauscht wie hehrer Brautgesang
Vom Rhein, vom heil’gen Rheine.
Wo bist du, wackre Freundesschar
Aus meinen jungen Tagen?
Das erste Glas, dir bring’ ich’s dar
In schmerzlich stillem Klagen.
Manch’ treu vertrautes Auge winkt
Mir zu aus seinem Spiegel,
Tief unten im Pokale blinkt
Der alten Freundschaft Siegel.
Herbei, ihr Füchslein allesamt!
Sollt euch nicht schüchtern zieren.
Herbei! Noch weiß des Alten Hand
Den Humpen fest zu führen.
Hab’ auch so manche Sommernacht
Beim Wein mein Lied gesungen;
Nun ist die ganze Fuchsenpracht
Vertrunken und verklungen.
Ein volles Glas, ein frohes Lied
Schenkt mir zum Scheiden, Brüder!
Wenn über’s Jahr die Traube glüht,
Kehrt euch der Alte wieder.
Dann schwillt das Herz und jauchzt und singt:
Zu Berge laßt mich fahren!
O Österberg! Dein Name klingt
Wie Lieb’ aus jungen Jahren!