Die Mitglieder 1869 – 1894

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In der Festschrift 1894 sind im Abschnitt “Statistisches” einige Angaben über die Mitglieder der Stuttgardia in den ersten 25 Jahren enthalten. Von den damals erfaßten 190 Bundesbrüdern war beinahe die Hälfte in Stuttgart geboren worden. Zur Zeit ihres Eintritts in die Gesellschaft hatten 178 ihre Heimat in Württemberg, nur acht im übrigen Deutschland und vier außerhalb Deuschlands (letztere waren Iver Hardt, Heinrich Häußler, August Breitling und Alban Nast-Kolb, die alle jedoch deutsche Gymnasien besucht hatten). Iver Hardt könnte seiner Abstammung nach Däne gewesen sein, er lebte jedoch später in Deutschland. Unter den 178 Württembergern befanden sich 98 Stuttgarter, 20 Tübinger, elf Ellwanger, sechs Heilbronner und vier Reutlinger. 121 hatten das Stuttgarter Gymnasium besucht. Von den damals 146 Alten lebten 128 in Württemberg und davon wieder 56 in Stuttgart. Damit ist statistisch für diese Zeit der württembergische
Charakter der Stuttgardia dargelegt und zugleich nachgewiesen, daß sie ihren Namen nicht zu Unrecht führte. Der bei der Gründung vorhandene badische bzw. pfälzische Einschlag hat sich nicht fortgesetzt. In den folgenden Jahren ist mit Albert Lepique (möglicherweise ein Schwager des Mitgründers Friedrich Keim) nur ein Badener hinzugestoßen.

Der Abschnitt “Statistisches” der Festschrift 1894 enthielt ferner Angaben über den Besuch fremder Hochschulen, über Doktorpromotionen sowie Militär- und Familienverhältnisse. Von 1869 bis 1894 studierte fast die Hälfte der Mitglieder Rechtswissenschaft. Dann folgten mit rund 1/3 die Mediziner. In den Jahren 1869/82 traten zehn Forstleute bei, so daß diese Fakultät verhältnismäßig stark vertreten war. Unterdurchschnittlich fanden sich Philologen, Naturwissenschaftler und Evangelische Theologen. Katholische Theologen hat es in der Stuttgardia nie gegeben.

Zur soziologischen Herkunft stellte die Festschrift 1894 fest, daß damals 55 % von akademisch gebildeten Vätern abstammten, wobei der Anteil in den ersten fünf Jahren der Gesellschaft bei 77 % gelegen hatte und in den letzten Jahren vor 1894 auf 42 % gesunken war. Friedrich Hölder, Adolf Faber, Hermann Geßler, Adolf Pischek, Karl und Otto Sarwey waren Söhne von Ministern. Andere stammten von höheren Beamten und von Professoren ab. So waren z.B. die Väter von Karl Weizsäcker und Max Rümelin Kanzler der Universität Tübingen. Zahlreiche Väter von Mitgliedern arbeiteten als Kaufleute. Bei Eugen Böß ist notiert, daß der Vater Schmied war, Karl Schicklers Vater hatte den Beruf eines Gärtners. Die Mutter von Hermann Wildermuth war die bekannte Schriftstellerin Ottilie Wildermuth. Der Vater von Hermann Abert wirkte als Hofkapellmeister in Stuttgart. Insgesamt kann festgestellt werden, daß die Mitglieder überwiegend dem gehobenen Bürgertum, zum Teil besten Familien, entstammten98.

Der Versuch der Stuttgardia, Angehörige des Adels zu gewinnen und zu halten, schlug in dieser Zeit fehl. Karl Freiherr v. Gemmingen (1861 – 1953, später königlicher Kabinettschef, Staatsrat und Exzellenz) “trat auf dringenden Wunsch seiner Familie” nach etwa zwei Monaten Mitgliedschaft am 8.1.1881 wieder aus99. Wilhelm v. Marval (später Oberst und Flügeladjudant) verließ die Gesellschaft im Juni 1884 wieder.

Insgesamt war die Zahl der Austritte gering. Zu den Ausgetretenen zählte der spätere Stuttgarter Oberbürgermeister Heinrich Gauss, der im WS 1877/78 einige Monate Mitglied war.

Bemerkenswert sind die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den Mitgliedern. Eine Reihe von Brüdern sind in
den ersten 25 Jahren aktiv geworden, wie Oskar, Richard und Manfred Haidlen, Hermann, Ernst und Heinrich Müller,
Karl, Manfred und Arnold Elben sowie Ernst, Hermann und Karl Lautenschlager, ferner 17 Brüderpaare. Die
Verbindung bewährte sich auch als “Heiratsmarkt”. So heirateten zwei Schwestern von Adolf Faber die Bundesbrüder Gustav Hauber und Karl Mayer.

Die zahlreichen Bande der Verwandtschaft und der Schwägerschaft trugen viel zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei. Neben die Freundschaft und das Verhältnis als Bundesbruder traten so für viele Mitglieder weitere Beziehungen. Umgekehrt gewährte die Stuttgardia Mitgliedern “großer Familien” Württembergs eine weitere Beziehung, nämlich die Stellung als Bundesbruder. Diese Teilhabe an den Verflechtungen (negativ ausgedrückt “Verfilzungen”) der württembergischen bürgerlichen Oberschicht bahnte sich in den ersten 25 Jahren an. Sie kam aber noch kaum zur Auswirkung, da die Bundesbrüder noch nicht in berufliche Spitzenstellungen vorgerückt waren. Die Mitglieder der Stuttgardia waren vornehmlich Juristen und Mediziner. Die Verbindung gab damit vor allem Verwaltungsbeamten und Richtern Möglichkeiten zu Kontakten. Die Stuttgardia stand insoweit unter den Tübinger Korporationen nicht allein. Bei größeren Verbindungen waren diese Kontakte mannigfaltiger. Bei Korporationen mit anderem Spektrum, z.B. mit überwiegend Theologen und Philologen, erstreckten sich diese Verflechtungen teilweise in andere Bereiche der württembergischen Gesellschaft.

Allgemein hat sich zu diesem Abschnitt der Geschichte der Stuttgardia Max Rümelin beim Festkommers des 60.
Stiftungsfests geäußert: “Wir wurden damals zumeist in bestimmte Anschauungen hineingeboren und -erzogen. Die hergebrachte Ethik wurde nicht angezweifelt und in der Politik gab es in unseren Kreisen nur den einen Standpunkt: selbstverständliche Bejahung des neu erstandenen Reichs und unbedingten Glauben an das Genie Bismarcks, der schon alles recht machen werde. Ob dabei die Färbung eine etwas liberalere oder konservativere war, machte keinen großen Unterschied. Die materialistische Weltanschauung, so sehr sie nach dem Krieg im Vordringen war, hatte die akademischen Kreise noch verhältnismäßig wenig berührt. Von den sozialdemokratischen Gedankengängen wußte man mehr von Hörensagen, als durch eigenes Studium. So hatte man denn reichlich Zeit für die allgemeine Bildung und für
die Pflege der Freundschaft, Zeit, sich der Poesie des Studentenlebens und dem, was man so nennt, auch den
Jugendtorheiten verschiedenster Art, hinzugeben. Das gemächlich dahinfließende Leben hatte eine unzweifelhaft aristokratische Ausprägung. Eine engere Fühlung mit den breiten Massen der Volksgenossen war infolge der Rekrutierung unserer Verbindung nur bei wenigen vorhanden. Damit soll indessen keineswegs gesagt sein, daß ein gesteigertes Klassenbewußtsein im spezifisch preußischen oder ostelbischen Sinn sich geltend gemacht hätte. Es war vielmehr das Wesen der altwürttembergischen Ehrbarkeit, was zum Ausdruck kam.”

Rückblickend ist die Frage schwer zu beantworten, welches die Mitglieder waren, die in den ersten 25 Jahren die Stuttgardia besonders prägten. Den Alten fehlte noch eine feste Organisation, es gab noch keinen Vereinsvorsitzenden. Der aktiven Gesellschaft in Tübingen gaben die gerade studierenden, immer wieder wechselnden Mitglieder ihr Gesicht. Erkennbar spielte seit der Gründung Gustav Hauber eine wichtige Rolle. Ludwig Mayer war dichterisch begabt, organisierte Wanderungen und trug viel zum Zusammenhalt bei. Aus den Erwähnungen im Bopserboten dieser Jahre kann auf besonderen Einfluß geschlossen werden bei Gustav Schwab, Karl Geyer I, Oskar Haidlen, Gustav Decker, Gustav Kreuser, Max Reihlen, Felix Steudel und Rudolf Mohl.