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Die Akademische Gesellschaft Stuttgardia ist eine liberale, nicht schlagende, nicht farben-tragende Korporation von Studentinnen und Studenten an der Eberhard Karls Universitaet Tübingen
Über die Gründung und die ersten Jahre der Stuttgardia unterrichtet uns der Bericht in der Festschrift zum
25.Jubiläum1.
Danach waren zu Beginn des Wintersemesters 1869/70 sieben in ihrem ersten Tübinger Semester befindliche Studenten miteinander bekannt geworden. Es waren Ernst Harttmann, Gustav Hauber, Theodor Kern, Ludwig Mayer und Theodor Pfizer, die das Stuttgarter Gymnasium besucht hatten, sowie Adolf Holtzmann aus Heidelberg und Friedrich Keim aus Ludwigshafen/Rhein2. Die bestehenden Studentenverbindungen sagten ihnen nicht zu. Nachdem sie einige Abende zusammen verbracht hatte, habe Adolf Holtzmann den Gedanken ausgesprochen, sie sollten als Gemeinschaft für ihre Tübinger Studienzeit zusammenbleiben. Dies fand Zustimmung. Die Freunde traten am 30.November 18693 zu einer Eröffnungskneipe ihrer neuen Gemeinschaft im “Caffeehaus mit Wirtschaft” des Gottlieb Müller zusammen. Dieses “Caffeehaus” lag in der Collegiumsgasse 12 gegenüber dem Konvikt und hieß daher Konviktsmüllerei im Gegensatz zum Café Müller am Neckar, der sog. Neckarmüllerei4.
Es gab allerdings noch einen, im Stuttgardia-Album nicht verzeichneten weiteren Gründer, nämlich den stud.jur. Karl Kapff. Im SS 1870 ist er aus der Gemeinschaft wieder ausgetreten, “da ihm das Protzentum nicht gefallen habe”. Er schloß sich einem pietistisch geprägten Kreis an und wurde im SS 1873 Mitgründer der Verbindung Virtembergia5. Die im Laufe ihrer Geschichte oft freundschaftlich verbundenen Korporationen Stuttgardia und Virtembergia haben somit einen gemeinsamen Gründer.
Die Tübinger Freunde wollten Geselligkeit und Freundschaft untereinander pflegen. Dieser Geselligkeit gaben sie, wie die offizielle Eröffnungskneipe zeigte, einen organisatorischen Rahmen. Es ist jedoch unbekannt, ob die Studenten schon 1869 die Absicht hatten, eine auf Dauer bestehende Studentenverbindung zu gründen. Von den Bräuchen anderer Verbindungen lehnten sie vor allem das Tragen von Farben und das Schlagen von Mensuren ab. Sie wollten auch nicht schwerpunktmäßig musisches, wissenschaftliches oder religiöses Gedankengut pflegen. Die Ablehnung bestimmter Grundsätze der bestehenden Verbindungen sowie die sich bildende Freundschaft unter den sieben Studenten waren wesentlich für die Entstehung der neuen Gesellschaft. Denkbar ist, daß die Stuttgarter Gesellschaft Sonderbund ein Vorbild war. Der Mitgründer Ludwig Mayer war im Sommer 1869 als Schüler der Polytechnischen Schule in Stuttgart bereits Mitglied dieser Vereinigung geworden. Zweck des Sonderbunds war ebenfalls die “Pflege von Freundschaft und edler Geselligkeit”6.
Den Studienfächern nach waren vier der Gründer Philologen, zwei Juristen (einschließlich des wieder ausgeschiedenen Kapff) und je einer Mediziner und Kameralist (Staatswissenschaftler). Die fünf bzw. sechs Württemberger unter den Gründern sollen alle das Stuttgarter Gymnasium besucht haben. Sie stammten jedoch aus verschiedenen Teilen des Landes. Harttmann war Sohn des Kameralverwalters in Rottenburg, Haubers Vater wirkte als Rektor des Lyzeums in Ravensburg, Kerns Vater war Wundarzt in Neuenstein und Pfizers Vater Professor in Stuttgart. Der Vater von Adolf Holtzmann war Erzieher badischer Prinzen, Hofrat und Professor der deutschen Sprache und Literatur in Heidelberg, während Friedrich Keim Sohn eines Pfarrers in Ludwigshafen/Rhein war.
Besonderes Interesse unter den Gründern kommt Ludwig Mayer zu. Sein Vater war Carl Mayer, einer der Wortführer des linken Flügels der württembergischen Demokraten 1849. Er hatte bis 1863 in der Emigration in der Schweiz bleiben müssen. Dann wirkte er in Stuttgart als Redakteur der bedeutenden Zeitung der liberalen Opposition “Der Beobachter”. 1864 wurde er zusammen mit Julius Haußmann Vorsitzender der württembergischen Volkspartei und 1868 Vorsitzender der auf Reichsebene gegründeten Deutschen Volkspartei. Diese Partei wandte sich gegen eine Abtrennung Österreichs von Deutschland und verfolgte einen großdeutschen-antipreußischen Kurs. Sie trat für Selbstregierung des Volks und bürgerliche Freiheiten ein. Die grundsätzlich republikanisch gesinnten Demokraten unterschieden sich damit von den Nationalliberalen, die in einem konstitutionellen Staatswesen für möglichst große Freiheiten im staatlichen und
gesellschaftlichen Leben waren und damals vielfach meinten, die Verfolgung des Eigennutzes diene stets auch dem Gemeinwohl. Demgegenüber stellten die Demokraten die Gedanken der Solidarität und der legislativen Gestaltung der Lebensverhältnisse stärker heraus7. Carl Mayer besaß große Popularität. Seine kritische Haltung gegenüber dem Staat zeigte sich daran, daß er im Oktober 1869 seinem Sohn die damals erforderliche väterliche Einwilligung zum Studium im Gefängnis auf dem Hohenasperg ausstellen mußte8.
Waren dies auch die politischen Vorstellungen der Stuttgardia-Gründer? Wir haben keine Nachrichten darüber. Es spricht jedoch manches dafür, daß die Gemeinschaft in politischer Hinsicht am Vorabend des Kriegs von 1870/71 auf dem Boden demokratischer, großdeutscher, jedenfalls betont süddeutscher Ideen entstanden ist. Einmal ist der in der Stuttgardia besonders aktive Ludwig Mayer bis zu seinem Tod tätiges Mitglied der Volkspartei geblieben. An seiner Beerdigung 1892 nahmen die Parteiführer Ludwig Pfau, Conrad und Friedrich Haußmann sowie Friedrich Payer teil9. Ferner könnte der Mitgründer Karl Kapff gerade wegen seiner mehr christlich bestimmten Vorstellungen aus der Stuttgardia ausgeschieden sein. Christliches Gedankengut lag den württembergischen Demokraten weniger, die württembergischen Pietisten neigten zur Nationalliberalen Partei10. Wenn die Stuttgardia über viele Jahrzehnte württembergische Eigenart und schwäbische Mentalität besonders betonte, deutet dies ebenfalls in diese Richtung. Nicht dagegen spricht das Fehlen einer entsprechenden Überlieferung. Schon 1870/71 war die Volkspartei in die Ecke der Verlierer gedrängt. Da sie ihre Ziele verfehlt hatte, schrumpfte sie nach der Reichsgründung bis 1890 auf einen kleinen Kern zusammen11. Der nationalliberalen Deutschen Partei mit ihrer kleindeutschen-preußischen Lösung gehörte das Feld. Ihre Vorstellungen vertraten in den folgenden Jahrzehnten dann auch viele Stuttgarden.
Bei einer Gesamtbetrachtung der Tübinger Korporationen liegt es nahe, die Stuttgardia mit den nach der Bildung des Deutschen Reichs gegründeten Verbindungen zusammenzufassen. Eine Konstituierung im Jahr 1869 kann aber durchaus einen anderen Hintergrund gehabt haben als die Gründungen ab 1870/71, die vom Hochgefühl eines neuen Nationalbewußtseins geprägt waren. Auf jeden Fall ist es von besonderem Interesse, daß einer der Gründer der Sohn des großen Volksmanns und Demokraten Carl Mayer war.