Das Verhältnis zu anderen Verbindungen

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Die Stuttgardia bezeichnete sich in ihren Statuten als eine “freie Vereinigung”. Sie lehnte also den Anschluß an einen Verband ab. Enge freundschaftliche Beziehungen unterhielt sie jedoch zur Akademischen Gesellschaft Sonderbund am Polytechnikum Stuttgart. Das nimmt nicht Wunder, war die Stuttgadia doch von einem Mitglied des Sonderbunds, nämlich Ludwig Mayer, mitgegründet worden. Außerdem war der 1872 in die Stuttgardia eingetretene Karl Geyer I bereits beim Sonderbund aktiv. Mayer und Geyer blieben Zeit ihres Lebens Sonderbündler. Auf Geyers Vermittlung seien zum Sonderbundsball am 5.2.1873 erstmals Stuttgarden eingeladen worden78. Es kam immer wieder vor, daß die in Tübingen studierenden Söhne einer Familie der Stuttgardia und die in Stuttgart studierenden Brüder dem Sonderbund beitraten (so z.B. Steudel, Obermüller, Hähnle, Köstlin, Wölz, Henes und Roser).

Nach der Reichsgründung entstanden in Tübingen zahlreiche neue Verbindungen. Einige von ihnen lehnten ebenfalls das Tragen von Farben ab. Diese Verbindungen wurden jedoch von den farbentragenden Korporationen, insbesondere von den Corps und der Burschenschaft, nicht voll anerkannt. Bei der Feier zur Enthüllung des Hölderlin-Denkmals Ende Juni 1881 kam es wiederum zu einem Streit über die Reihenfolge im Festzug und die Teilnahme am Kommers. Eine Einigung war nicht möglich, worauf die nichtfarbentragenden Verbindungen, damals Stuttgardia, Igel, Virtembergia, Saxonia, Derendingia, Zollern und Palatia, am 30.Juni abends im oberen Museumssaal ein eigenes Bankett mit je drei Chargierten zu Ehren des Dichters abhielten. Am Ende des Banketts äußerte sich ein Mitglied der Hohenstaufia “in gemeinen Ausdrücken” über die nichtfarbentragenden Bünde. Darauf forderten die genannten Korporatioen (ausgenommen Saxonia und Derendingia) vom Konvent der Hohenstaufia, deren Mitglied solle vor jedem Verbindungskonvent “depreciren”. Als nichts erfolgte, wandten sich die fünf Verbindungen an den akademischen Senat, der darauf das Mitglied der Hohenstaufia wegen seiner Äußerungen zu vier Tagen Karzer verurteilte. Dieser Vorfall habe die nichtfarbentragenden Verbindungen näher zusammengebracht79.

Die Differenzen und die Gefühle der Konkurrenz zwischen den Korporationen bestanden weiter. Im folgenden
Semester konnten sie sich nicht auf einen gemeinsamen Fackelzug für Professor Sigwart einigen. Die sieben
nichtfarbentragenden Bünde überreichten dem Hochschullehrer deshalb eine besondere Dankadresse.

Schon 1875 hatten sich die farbentragenden nichtschlagenden Verbindungen Guestfalia, Roigel, Normannia, Schottland und Wingolf gegenüber der Universität allgemein verpflichtet, beim Tod eines Studenten den Trauerkondukt zu stellen. Die sieben nichtfarbentragenden Verbindungen vereinbarten nun im WS 1884/85 mit Billigung des Rektoramts eine besondere “Gangordnung bei Leichen”. Im SS 1888 schließlich kamen Stuttgardia, Igel, Virtembergia und Palatia überein, beim Ableben eines ihrer Mitglieder den Kondukt zum Friedhof oder zum Bahnhof selbst zu übernehmen und sich dabei nötigenfalls mit “Trauerfüxen” auszuhelfen. Die sog. Gaulfüxe trugen Florschärpen und umflorte Barette, hinter dem Sarg trug ein Fux einen Lorbeerkranz, ihm folgten die Chargierten und die übrigen Mitglieder. Am Grab oder am Bahnhof widmete der Senior dem Verstorbenen einen Nachruf. Bei Virtembergia war 14 Tage lang keine Kneipe und der Besuch von Theater und Konzert verboten, weitere 14 Tage wurde auf der Kneipe nicht gesungen80.

Die Beziehungen der Stuttgardia zu den anderen nichtfarbentragenden Tübinger Verbindungen sind aus ihrer Sicht über das Konventionelle nicht hinausgegangen. Dagegen bezeichnete man beim Igel in den 80er Jahren die drei Korporationen Stuttgardia, Igel und Virtembergia als die “befreundeten Großmächte”81. Unter den
nichtfarbentragenden Verbindungen bestand ein Wettbewerb, der sich wohl auch darin zeigte, daß die Mitgliederzahlen der Stuttgardia in den 80er und 90er Jahren tendenziell gegenüber den 70er Jahren zurückgingen. Auch die Ansicht, man habe gegenüber Tübinger Professoren- und Familienkreisen “besondere Aufgaben”, beweist das Konkurrenzverhältnis.

Die Stuttgardia empfand sich als ein gesellschaftlicher Faktor in der Universitätsstadt. Gradmesser, ob die Gesellschaft dieser selbst gestellten Aufgabe genügte, war beispielsweise die Zahl der Gäste, die zu den Veranstaltungen, also vor allem zu den Niedernauer und Imnauer Festen, erschienen. Da war die Stuttgardia durchaus zufrieden82. Man bemühte sich, diese Stellung in Tübingen “voll aufrecht zu halten und in den bewährten Wegen weiter zu wandeln”, auch wenn die Zahl der in Tübingen anwesenden Bundesbrüder, vor allem wegen des immer häufigeren Studiums auf anderen Hochschulen, geringer wurde. In den Jahren nach 1876 studierten stets zwischen 20 und 32 Mitglieder in Tübingen, 1894 waren es noch 1883.